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Datum: 10.09.10
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Die Glocke von Buphever im Klang der Heimatgeschichte

Ein kleiner Beitrag zur großen Geschichte Alt-Nordstrands

Der Untergang des alten Strandes in den Sturmfluten des 14. Jahrhunderts ist im Geschichtsbewußtsein unserer nordfriesischen Heimat stets gegenwärtig geblieben. Die Datierung der schlimmsten Fluten mit den Jahreszahlen 1300 und 1362, ihre Bezeichnung mit dem Wort ‘Manndrenke’ und der mythische Zauber des Verlustes von Rungholt haben sogar die poetischen und musischen Menschen der Neuzeit inspiriert. Viele sind mit Liliencron in Gedanken „über Rungholt gefahren“ oder haben das wehmütige Lied der Gruppe Godewind über die „Glocken von Rungholt“ mitgesungen.
Keine andere Region Schleswig-Holsteins ist von der Attraktion der Vergangenheit wohl so stark geprägt wie die Uthlande Nordfrieslands. Und der gewaltige Todesstoß, der Alt-Nordstrand in der Oktoberflut 1634 traf, hat diesen Reiz, die eigene Geschichte nicht in einer Flut des Vergessens untergehen zu lassen, auf den nordfriesischen Inseln und Halligen noch gesteigert. Nicht nur die Bewohner der von den Sturmfluten übrig gelassenen Reste eines einst großen und reichen Marschengebietes im Herzen des Wattenmeeres sind von der eigenen Geschichte fasziniert, sondern in hohem Maße auch die interessierten Urlauber, wie es beispielsweise die jährliche Pellwormer ‘Rungholtwoche’ zeigt. Die Kirchengemeinde Hooges und ihr Halligpastor können ‘ein Lied davon singen’, mit welcher Aufmerksamkeit und großem Wissensdurst Tausende Menschen vom Festland jährlich die Kirchwarft und die kleine Halligkirche besuchen. Den Spuren im Watt, die Andreas Busch auf Nordstrand fand, waren Landesarchäologen und frühere Heimatforscher vorausgegangen oder gefolgt. Sie legten darüber ihre wissenschaftlichen Berichte vor. Und im Bereich Pellworms laufen viele Touristen mit Hellmut Bahnsen hinaus, um die Kulturspuren vergangener Zeiten zu finden. Manchmal verschwinden die Erkenntnisse der Wissenschaft hinter allzu großer Phantasie und Fiktion, wie es Prof. Hans-Peter Dürr vorgeworfen wird, wenn er mit seinen Studenten auf einem Küstenewer wieder einmal im Gebiet Südfalls eine spektakuläre Exkursion auf der Suche nach Rungholt durchgeführt hat.
Wie steinerne Gleichnisse stehen da die Halligkirchen und Gotteshäuser Nordstrands und Pellworms auf ihren Warften und erzählen mitten in unsere Gegenwart hinein von unserer historischen Verbindung mit den Generationen vor uns. Diese sakralen Bauten mahnen uns zur Bewahrung unserer gefährdeten Identität, zum Erhalt unserer kleinen Kirchengemeinden und ihrer pastoralen Versorgung und sind Halt und Trost in den Fluten von heute.
Nach der Flut von 1634 gingen in den darauf folgenden wenigen Jahren allein auf Alt-Nordstrand so große Landgebiete verloren, daß auch 18 von (im Jahre 1634) 21 Inselkirchen ausgedeicht und zum Teil abgerissen wurden. Die Kunstgegenstände, mit denen diese Kirchen ausgestattet waren, wurden häufig verkauft und finden sich heute in anderen Kirchen oder Museen.
Unweit des heutigen Pellworms lag einst das Kirchspiel Buphever. Anton Heimreich berichtet über die Vorgeschichte dieses Gebietes in seiner nordfresischen Chronik (3. Aufl. Erster Theil, S. 186): „Heverdam, von der dabey laufenden Hever also genannt, so gleichfalls A. 1300 inundiret, und weiln der Hever dazumal nicht wieder können überdeichet werden, als ist der Theil, so von diesem Kirchspiel eingedeichet worden, hernach Bophever gleichsam boven oder über der Hever genannt, und ist daselbst die Kirche A. 1499 erbauet worden. Diese Kirche hat S. Laurentii Bild im Insiegel geführet, und weiland des H. Kreuzes und unserer lieben Frauen Lehn gehabt.“ Buphever wurde 1634 schwer getroffen. Der Chronist führt für Buphever allein 340 Ertrunkene auf und die völlige Zerstörung von 90 Häusern, zwei Mühlen und des Glockenturmes an (Zweiter Theil, S. 148.). Das Ausmaß der Zerstörungen war auch andernorts riesig. Ein im heutigen Landesarchiv in Schleswig aufbewahrtes Verzeichnis der Opfer der Flut von 1634 (LAS Abt. 7 Nr. 3119) ist möglicherweise von Anton Heimreichs Vater Johannes Heimreich angelegt worden und nennt zuerst diese o.a. Zahlen, führt jedoch dazu aber auch die erhaltenen 30 Häuser und 7 Katen an, so daß der Prozentsatz der Zerstörung Bubhevers mit etwa 70 % zu ermitteln ist. Die Taufe der nicht unbedeutenden Kirche von Buphever kam bekanntermaßen nach dem Abriß des Gotteshauses in die Alte Kirche zu Pellworm.
Daß die Buphever-Glocke um 1640 in Folge der endgültigen Aufgabe des Kirchspiels nach Eiderstedt in das Kirchspiel Osterhever gelangte, geriet bald in Vergessenheit. 1908 verkaufte der dortige Kirchenvorstand diese Glocke für 939,60 Mark an das gerade 1903 gegründete Kunstgewerbemuseum in Flensburg, dem späteren Städtischen Museum Flensburgs mit dem heutigen Namen ‘Museumsberg Flensburg’.
Diese namhafte kulturelle Einrichtung Schleswig-Holsteins geht auf den Möbelfabrikanten, Restaurator und Innenarchitekten Heinrich Sauermann (1842-1904) zurück, der von 1901 bis 1902 in unserem Landesteil Schleswig über 30 Reisen u.a. in die ländlichen Kirchengemeinden unternahm, um kirchliche Kunstgegenstände zu sichten, die von einem direkten Verlust oder Verfall vor Ort bedroht waren. Ohne seine Initiative und Durchführung wären zahlreiche sakrale Kunstdenkmäler des früheren Herzogtums Schleswig wohl für immer verloren gegangen. Die von ihm begründete Sammlung kirchlicher Kunst unserer Region ist so einzigartig, daß sie zusammen mit den in unseren Kirchen noch vorhandenen Kunstschätzen einen Einblick in die Kunst- und Kirchengeschichte unserer Heimat reichhaltig vervollständigt.
Sauermanns Sohn folgte seinem Vater im Amt des Flensburger Museumsdirektors und setzte dessen Arbeit zunächst in Flensburg fort. Unter der Federführung dieses Mannes, Prof. Dr. Ernst Sauermann (1880-1956), dem später langjährigen Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums und Provinzialkonservator Schleswig-Holsteins, kam schließlich die Glocke von Buphever über Osterhever nach Flensburg, wo sie heute immer noch verwahrt und ausgestellt wird (Inv. Nr. 6042).
Diese Kirchenglocke aus Bronze hat eine Höhe von 117 cm, einen unteren Durchmesser von 113 cm und das stattliche Gewicht von 783 kg. Sie wurde von dem bekannten Flensburger Künstler und Gießer Michael Dibler (gest. 1593) im Jahre 1562 für die Kirche von Buphever gegossen. 27 Glocken Diblers aus der Zeit von 1560 bis 1592 sind noch heute zu finden, die berühmten Taufbecken des Flensburger Künstlers stehen in der Kirche St. Nikolai in Eckernförde und in der St. Marien Kirche Flensburgs. Dibler war einer der wichtigsten Gießer der Renaissance. In die Glocke von Buphever, eines seiner frühen Werke, goß er die Namen der Stifter mit folgenden Worten, die bis heute zu lesen sind und eine historische Einordnung in die Landesgeschichte sowie einen Blick in die Geschichte Alt-Nordstrands des 16. Jahrhunderts ermöglichen:
„IN DEM NAMEN JHESUS, HEFT FORSTLIKE GENADE, HERTOCH HANS, VNDE MESTER JVRGEN BOHSEN, HOFPREDIGER VNDE HER PETER MARTSEN, VNDE KARCK-SVAREN, PENNE PETERSEN, NIS EPSEN, ETLEF SIVERSEN, LANGE PETERHAN SEN IM KARSPEL TO BVBHEVER, DVSSE KLOCKE GETEN LATEN, BI MICHAEL DIBELER TO FLENSBORCH, ANNO 1562.“
Eine historische ‘Entschlüsselung’ dieser in der Umschrift der Glocke von Buphever aufgeführten Personen läßt klar und deutlich die überregionalen und regionalen Klänge der Geschichte des Herzogtums Schleswig und Alt-Nordstrands hör- und verstehbar werden. Auch ohne den Anschlag des Klöppels auf die bronzene Wandung vernehmen wir den Schall der Geschichte unserer Heimat über eine Zeitspanne von viereinhalb Jahrhunderten hinweg. Und ganz ohne fiktive oder phantastische Anstrengung erhalten wir präzise Angaben über die damalige Landesherrschaft, die kirchliche und politische Verwaltung des Herzogtums und Alt-Nordstrands, den Deichbau, die Landgewinnung, die Rechtsverhältnisse und das Schulleben in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Der erste Glockenstifter, FORSTLIKE GENADE, HERTOCH HANS, ist ohne Zweifel Hans (Johann) der Ältere (1521-1580), Herzog von Schleswig-Holstein-Hadersleben, der als Sohn von Friedrich I., König von Dänemark, und dessen zweiter Ehefrau Sophie von Pommern zur Welt kam. Prinz Hans wurde zunächst zum Thronfolger erzogen, u.a. von Geistlichen, die sich bereits zur Reformation bekannten. Sechs Jahre seiner Jugend lebte er in Königsberg bei seinem Schwager Herzog Albrecht von Preußen und lernte dort die preußische Verwaltung grundlegend kennen. 1544 wurde das Herzogtum Schleswig schließlich aufgeteilt unter seinem Bruder Christian III., Herzog Adolf und ihm. So erhielt Herzog Hans als eigenen herzoglichen Anteil das Törninglehn mit einem Teil Röms, die Ämter Hadersleben und Tondern mit einem Anteil Sylts und Föhrs, Lügumkloster und die Inseln Fehmarn und Alt-Nordstrand, weiter das Amt Rendsburg und das Kloster Bordesholm sowie später einen Teil Dithmarschens.
Herzog Hans d. Ä. war also der Landesherr der Alt-Nordstrander während der Zeit von 1544 bis zu seinem Tode 1580. Über fast vier Jahrzehnte prägte er die politische, geistliche und rechtliche Entwicklung seines herzoglichen Anteils. Von seinem Regierungssitz, der von ihm errichteten Hansburg (Hansborch) bei Hadersleben, richtete Herzog Hans die Verwaltung seines Anteils durchaus nach preußischem Muster ein und beschäftigte sich intensiv mit dem Deichbau in den Marschen seines Gebietes und namentlich auf Alt-Nordstrand. Seine Engagement für die Schulausbildung und die sozialen Belange seiner Untertanen bleibt für das gesamte Herzogtum unvergleichlich. Die Haderslebener Gelehrtenschule Johanneum, das dortige Herzog-Hans-Spital für die Armen und die hohe Bildungseinrichtung im Kloster Bordesholm, das sog. ‘Pädagogium’ als Keimzelle der späteren Christian-Albrechts-Universität in Kiel, sind nahezu unvergängliche Zeugnisse für Herzog Hans’ umfangreiches Schaffen.
MESTER JVRGEN BOHSEN, HOFPREDIGER: den Magister Jürgen Boie (15..-1569) hatte Hans bereits in jungen Jahren kennengelernt und fortan außerordentlich gefördert. Jürgen Boie ist, wie im 16. Jahrhundert üblich, auch unter den Namen Boje, Boysen oder Georg Boethius verzeichnet. Sein Vater war Lorenz Boie (1484-1547), der als Pastor in Wilstrup einer der ersten lutherischen Geistlichen im Herzogtum Schleswig war. Jürgen Boie, dieser zweite Stifter der Buphever-Glocke hatte in Wittenberg Theologie studiert und wurde dort zu Lebzeiten Martin Luthers 1540 zum Magister promoviert. Er war als Professor der Pädagogik an der Universität Kopenhagen tätig und wurde auf Geheiß von Herzog Hans dessen Hofprediger, Beichtvater und u.a. 1553 Propst von Alt-Nordstrand. Als solcher war er zur Zeit der Glockenstiftung in Buphever der leitende Geistliche und unter der Herrschaft von Herzog Hans an der rechtlichen und kirchenrechtlichen Organisation Alt-Nordstrand unmittelbar beteiligt.
Herzog Hans besuchte mehrmals persönlich Alt-Nordstrand und gab der damals bedeutenden nordfriesischen Insel das Nordstrander Landrecht, das Spadelandsrecht sowie unter der Federführung Jürgen Boies sogar eine eigene Kirchenordnung, welche das Kirchen- und Schulwesen reformieren sollte. Boie verfaßte nicht nur 1555 die Nordstrander Kirchenordnung, sondern 1559 auch die für Dithmarschen.
Im Sommer 1556 war Herzog Hans auf Alt-Nordstrand, um die Planung einer Bedeichung im Süden der Pellwormharde zur Gewinnung eines neuen Kooges, der zuerst der Verbesserung des Küstenschutzes dienen sollte, vorzustellen. Auch in den Flutjahren zwischen 1570 und 1580 hält sich Herzog Hans auf der Insel auf und hält z. B. vom 8. bis 10. September 1571 persönlich eine Deichschau in Süden der Alten Kirche ab. In die Regierungszeit des Herzogs fällt auch die um 1550/51 abgeschlossene Wiedervereinigung der Pellwormharde mit Nordstrand durch die Bedeichung des Buphevering- oder Norder Neuen Kooges. Und in seiner Chronik (Zweiter Theil, S. 381) erwähnt Anton Heimreich sogar einen Plan des Herzogs Hans, „daß man von Morsumfehre nach Hatstedte hinüber deichen sollte, und also diese Insel wieder sollte landfest machen“. Für den Chronisten Petreus blieb der Herzog „ein plegevader der kercken und scholen“, der sich von der Ordnung der Reformation, über das Landrecht bis zum Küstenschutz als wahrer „vader des vaderlandes“, als guter Landesvater Alt-Nordstrands, gezeigt hat (a. a. O. S. 100.) Auch das aus dem 16. Jahrhundert stammende Wappen der Insel Alt-Nordstrand soll auf Herzog Hans zurückgehen. Es zeigt Christus und läßt durchaus den Rückschluß zu, welche kirchliche Bedeutung unserer Region in dieser Zeit vor der Flut von 1634 noch zugemessen wurde.
Jürgen Boie war der erste gebürtige Schleswiger, der nach der Reformation im Herzogtum ein führendes kirchliches Amt erreichte. Zudem war er mit Sara Meiger verheiratet, deren Vater Johann Meiger (14..-1561) u.a. in der Pellwormharde als Pastor der Alten Kirche (1525) und erster lutherisch gesinnter Geistlicher die Reformation vorbereitete und als Propst von Rendsburg dort durchführte. Boie war einer der wichtigsten Berater des Herzogs Hans d. Ä. und visitierte mehrfach Alt-Nordstrand.
Die Planung des Nordstrander Landrechtes wurde jedoch auch von den politisch Verantwortlichen der Insel vorbereitet. Johannes Petreus (1530-1605), der in dieser Zeit (von 1565-1605) Pastor von Odenbüll war, hat als Zeitgenosse nicht nur diese weltliche und kirchliche Rechtsentwicklung und die Mitwirkung von Herzog Hans und Jürgen Boie festgehalten, sondern nennt auch die Namen der nordfriesischen Ratleute, welche an der Übergabe und Konfirmation des Nordstrander Landrechts in der Zeit von 1567 bis 1572 maßgeblich beteiligt waren. Und Petreius überliefert wie „des lands gesandten ... Benne Peterßen [und] Edleff Siverssen“ wegen der Bewilligung des Landrechtes durch Herzog Hans eine verantwortliche und vermittelnde Rolle für Alt-Nordstrand wahrnahmen (vgl. Johannes Petreius’ Schriften über Nordstrand, hrsg. v. Reimer Hansen, Kiel 1901, S. 168). Diese beiden Männer sind zweifellos die auf der Umschrift der Buphever-Glocke aufgeführten PENNE PETERSEN und ETLEF SIVERSEN. Auch der auf der Glocke genannte NIS EPSEN ist bei dem Odenbüller Chronisten als Bürger von Buphever (S. 210) aufgeführt. Über LANGE PETER HANSEN konnte bis jetzt nichts erfahren werden, aber der erwähnte HER PETER MARTSEN, der direkt dem Hofprediger Boie auf der Umschrift folgt, ist, wie es die zeitübliche Bezeichnung HER (=Herr) ausweist, Pastor. Gemeint ist der damalige Pastor der Neuen Kirche Petrus Martini (gest. 1576) oder Peter Martensen/Martzen/Martini, der bis 1565 – also in der Zeit der Stiftung der Buphever-Glocke – Pastor der Neuen Kirche zu Pellworm war. Auch ihn erwähnt der Zeitgenosse Petreus (S. 40). Wahrscheinlich war Peter Martensen schon zu der Zeit im Amt der Neuen Kirche, als den zur Alten Kirche gehörenden Einwohnern am 21. Juli 1556 von Herzog Hans eine Urkunde ausgestellt wurde, vor materiellen Verpflichtungen der neuen Gemeinde befreit zu sein. Der Herzog hatte im übrigen den Einwohnern 1547 die Alte Kirche für 1000 Mark lübsch verkauft.
Herzog Hans d. Ä., dessen Hofprediger und Propst Jürgen Boie, Pastor Peter Martensen, die wichtigen Politiker und Kirchengeschworenen Benne Petersen und Etlef Siversen sowie zwei weitere bestimmt auch einflußreiche Inselbewohner stifteten der Kirche zu Buphever im Jahr 1562 eine wertvolle Glocke, die auf die lange Reise der Geschichte Alt-Nordstrands und des damaligen Haderslebener Anteils ging. Die Werkstatt Diblers in Flensburg, Buphever, Osterhever und der Museumsberg der Stadt Flensburg: das waren die Stationen unserer Glocke. Der Kreis der Vergangenheit schien sich 1908 beim letzten Verkauf der Glocke geschlossen zu haben, aber der Nachhall dieser Glockengeschichte soll nicht ungehört bleiben bei uns auf den Halligen und Inseln am Anfang des Jahres 2004, in dem unser Bupheverkoog auf die 65 Jahre seines Bestehens zurückblicken darf.
Manfred Karl Adam

Friesen-Fliesen
Reste niederländischen Wandschmucks aus dem ‘alten’ Pastorat
Es ist kein Geheimnis, daß die großen Häuser Pellworms in früherer Zeit mit vielen Erzeugnissen aus Kunst und Handwerk reich ausgestattet waren. Die Stuben und Wohnzimmer auf den Inseln und Halligen Nordfrieslands, Döns und Pesel längst vergangener Jahre mit ihren Täfelungen, geschnitzten Türen, ausgeschmückten Wandbetten, Truhen und Schränken zeugten vom damaligen Wohlstand mancher nordfriesischer Bauern und Kapitäne. Der Hof der Familie Schulze und der Königspesel auf der Hallig Hooge gehören bis heute zu den wenigen noch in Nordfriesland vorhandenen Zeugen solcher Ausstattungen, die den baulichen Veränderungen standhielten und uns überliefern, wie die Höfe und Häuser früherer Jahrhunderte eingerichtet waren. Wer sich heute von der früheren Wohnkultur seiner nordfriesischen Heimat einen Eindruck verschaffen will, muß sich oft auf eine längere Reise gefaßt machen. Museen in Flensburg, Husum, Altona oder Nürnberg zeigen interessierten Besuchern sozusagen die kulturellen Überbleibsel aus der Vergangenheit der schleswig-holsteinischen Westküste.
Ab und zu hören Pellwormer verwundert, daß sich Wandfliesen oder Alkoventüren in irgendeinem modernen Haus einer deutschen Großstadt eingefunden haben. Und auch auf dem teuren Pflaster des Kunst- und Antiquitätenmarktes tauchen Reste ehemaliger friesischer Wohnungseinrichtungen auf.
Ein altes lateinisches Sprichwort lautet: „tempora mutantur nos et mutantur in illis. Die Zeiten verändern sich, und wir verändern uns in ihnen.“ Wie wahr sind diese Worte z. B. für die Vergangenheit unseres Pastorates bei der Alten Kirche, dessen Geschichte Pastor Gustav Dührkop (1852-1933) in dem handgeschriebenen Buch „Kirchliche Chronik der Alten Kirche auf Pellworm angefangen 1887“ aufzeichnete (S. 27 ff). Von 1882 bis 1888 war Dührkop Pastor der Alten Kirche und erinnerte sich an die Baugeschichte des historischen Gebäudes: „Die Predigerwohnung. Sie ward nach der Deicheinlage (Fluth v. 11. Dezb 1792 u. v. 3. März 1793) inf. 1793, in welches Jahr auch der Tod des Compastors Elbinger fiel, und nach der Vereinigung beider Pastorate 1795 an Stelle des Hauptpastorathauses 1796 aufgeführt in der noch heute vorhandenen äußeren Gestalt, nämlich in der friesischen Bauart als die Ziffer 7, dergestalt, daß Wohn- und Stallräume unter einem Dache waren. Rechts vom Flur nach dem Eintritt durch die Haustür, lagen und liegen noch 4 Zimmer u. die Küche, grade vor dem Eintretenden 1 kleine nach Norden belegene Stube, die seit 1887 2 Fenster anstatt des früheren einen erhalten hat, und links vom Eintretenden die 2 Fach große Studierstube, neben welcher die Knechtskammer, 1 Fach groß, sich befand. Zu P[astor] Flor’s Zeit [Flor war von 1869 bis 1874 Pastor der Alten Kirche, Anm. d. Verf.] ist letztere mit dem Studierzimmer durch Niederlegen der Scherwand vereinigt und letzteres traulich u. gemüthlich geworden. Neben der Knechtskammer nach Westen zu lag bis zu P[astor] Bernhard’s Zeit [von 1875 bis 1882 Pastor der Alten Kirche, Anm. d. Verf.] der Stallraum für die Milchkühe. Zu P Bernhard’s Zeit ist aber hieraus ein schönes 3 fachiges Zimmer, das sogen. Westerzimmer, geworden, wie unter ihm auch die Waschküche, an Stelle des früheren Pferdestalles, angelegt ist.“
Das Pastorat der Alten Kirche hat als Gebäude keine lange Lebensdauer gehabt und wurde durch einen 1960 fertiggstellten Neubau ersetzt. Der Abbruch dieses kirchlichen Friesenhauses geschah während der Dienstzeit von Pastor lic. theol. Dr. Johann Haar (1904-1976). Einige Nachbarn wie die Familien Jansen, Clausen und Levsen und der Handwerker Boy-Ludwig Petersen können bis heute davon berichten, daß aus dem Bauschutt die Zufahrt zum Pastorat geschüttet wurde, Teile des kurz vor dem Abriß neugedeckten Reetdaches zur Neueindeckung anderer Häuser gebraucht wurden und mancher uralte Eichenbalken in einem Stallraum eines Hofes Verwendung fand. Vom früheren Pastorat der Alten Kirche sind die letzten Spuren vergangen. Lediglich Fotografien früherer Jahrzehnte und die Erinnerung älterer Pellwormerinnen und Pellwormer können noch von dem damals zwar renovierungsbedürftigen, aber stattlichen Pastorat Zeugnis geben.
Pastor Haar hatte – wohl beim Abbruch – den ihm bekannten Kunstmaler Christian Struckmann (1889-1993) auf niederländische Fliesen in irgendeinem Raum des Hauses aufmerksam gemacht. Struckmann hat diese beim Abriß aufgesammelt, in Gips eingegossen und gerahmt bis zu seinem Lebensende verwahrt. Nun hat der Verfasser dieses Berichtes aus dem Nachlaß des Künstlers persönlich zwölf Fliesen angekauft.
Zunächst war Skepsis angesagt, ob die Fliesen wirklich aus dem Pastorat Alte Kirche stammen. Aber eine Nachfrage bei dem langjährigen Kirchenvorsteher und Nachbarn des Pfarrhauses Julius Jansen und bei Frau Wiebke Daniel, geb. Hansen, der Tocher des Pastors der Alten Kirche Friedrich Hansen (1891-1956) und Enkelin des Pastors der Alten Kirche Heinrich Hansen (1861-1940) bestätigte den Sachverhalt. Die zwölf in rötlich-braunem Mangan bemalten Wandfliesen stammen in der Erinnerung beider Zeitzeugen aus der früheren Küche des alten Pastorates im Westen unserer Insel.
Sie wurden etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden (Delft, Makkum, Harlingen etc.) gefertigt. Sechs Fliesen in kleinem Zweifachkreis und mit dem Eckmotiv ‘Spinne’ zeigen folgende Landschaftsszenen: Burg mit Schiffen, Mühle mit Schiffen, großes Haus sowie Bilder eines Hirten, eines Brunnens und eines Anglers. Die sechs weiteren erhaltenen Fliesen weisen biblische Bilder in großem Zweifachkreis mit dem Eckmotiv ‘Ochsenkopf’ auf: Mose und die Zehn Gebote (2. Mose), Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8), die Auferweckung des Lazarus (Johannes 11), vom Richtgeist und dem Splitter im Auge des anderen (Matthäus 7), Salome und Herodes (Markus 6) und Zachäus (Lukas 19).
Zwölf Fliesen des früheren Pastorates der Alten Kirche sind wieder auf Pellworm. Sie erinnern als Bruchstücke vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte an die Bau- und Kulturgeschichte unserer Heimat. Irgendwann, vielleicht beim nächsten Umbau oder bei einer Erneuerung einer Mauer, wird der Verfasser dieser Zeilen die wenigen erhaltenen Fliesen wieder in eine Wand des Pastorates der Alten Kirche einlassen.
Manfred Karl Adam



Zur Geschichte Pellworms
Ein kleiner Papierbogen – das älteste Aktenstück aus unserem Kirchenarchiv. Eine kurzes Dokument aus dem Ende des 17. Jahrhunderts gibt – unter Heranziehung landesgeschichtlicher Literatur – zahlreiche Hinweise und Nachrichten zur Geschichte Pellworms und Schleswigs. Ein Steinchen eines historischen Mosaiks, das auf unserer Insel im Archiv der Pellwormer Kirchengemeinde sorgsam verwahrt wird, führt den Suchenden zu weiteren Teilstücken eines größeren Bildes innerhalb unserer Heimat- und Landesgeschichte.
Es handelt sich bei dem kleinen Aktenstück um eine Hochzeitsbürgschaft aus dem Jahr 1697, die Peter Harßen für Christian Nommensen ausstellte:
„Demnach Christian Nommensen aus Norwegen zu Ostrieß bürtig, sich alhier in Pielworm zu verehelichen gedenket die HH Pastores aber Sicherheit halber Bürgen verlangen, daß er vorhin keine andere geheyrahtet habe, So verpflichte ich Peter Harsen mich hiermit und in Kraft dieses daß ich dieserwegen mich bürglich einlaßen und vor alle daraus endtstehende und besorgende Angelegenheiten, der Obrigkeit, und ßonsten, wo es nöhtig seyn magk, gerecht werden wolle, bey Verpfändung meiner Gütter. Uhrkundlich meiner eigenhändigen Unterschrift. Pilworm, den 29. May Anno 1697. Peter Harßen.“
Anhand dieser kleinen Nachricht, dem wohl ältesten Dokument im Kirchenarchiv Pellworms, soll einmal beispielhaft gezeigt werden, wie viel wir durch diese wenigen Sätze aus dem Jahr 1697 historisch erfahren können.
Der angeführte Christian Nommensen stammte wohl aus dem Ostteil des Ortes Ris(e) in der Risharde, die nordwestlich von Apenrade liegt und zur Apenrader- und Lügumkloster-Propstei gehörte. Ein Norweger war Christian Nommensen auf keinen Fall, was allein schon aus seinem Nachnamen zu schließen ist. Den Namen der Pellwormer Braut erfahren wir aus Peter Harßens Bürgschaft nicht.
Aber eine Spurensuche in dem 1966 erschienenen Werk von Thomas Otto Achelis über die „Matrikel der Schleswigschen Studenten 1517-1864“ verweist unter der Nummer 3844 auf einen Christianus Numsen, der 1697 in Kopenhagen studierte und dessen Herkunft in der Einschreibliste der nordischen Universität mit dem Ort Flensburg angegeben ist. Christian Nommensen aus Ris hat möglicherweise in Flensburg die im 16. Jahrhundert gegründete Lateinschule besucht. Auf dieser Lehranstalt wurden viele zukünftige Pastoren für die Herzogtümer ausgebildet, die nach dem Besuch der Flensburger Lateinschule an namhaften Universitäten ihr Theologiestudium aufnahmen. Er hatte in Wittenberg (1692), Leipzig und Kopenhagen wohl Theologie studiert und starb am 2. Dezember 1698 in Kopenhagen. Daß er aus Kopenhagen 1697 zur Hochzeit nach Pellworm kam, hatte vielleicht Peter Harßen zu der Herkunftsbezeichnung „aus Norwegen“ veranlaßt. Dies bleibt aber nur eine vage Vermutung.
Der Vater Christianus Numsens könnte der 1720 verstorbene Apotheker Christian Lorentz Nummensen sein, wie es Achelis‚ in seinem o.a. Werk vermutet. Dann hätte die Familie bereits am Ende des 17. Jahrhunderts die patronymische Namensgebung aufgegeben und sich durchgehend Nummensen (Nommensen, Numenius‚ Numsen etc.) genannt. Der Name Nommensen weist klar auf eine friesische Herkunft der Familie hin, und es ist durchaus denkbar, daß der Vater Christianus Numsens oder dessen Vorfahren aus Nordfriesland stammten. Trifft diese familiäre Verbindung zu, wird auch Peter Harßen, der Autor der kleinen Hochzeitsbürgschaft, davon gewußt haben. Zudem gehörten Christianus Numsen und Peter Harßen einer Generation an.
Wer war dieser Peter Harßen? In der Geschichte unserer Insel gibt es mehrere gleichnamige und einflußreiche Pellwormer Persönlichkeiten, die unterschieden werden müssen. Daß die Schreibweise des Namens Harsen, Harrsen oder Harßen manchmal in einer Urkunde bei ein und derselben Person wechselt, ist im 17. und 18. Jahrhundert nicht selten. Gleiches gilt für die Latinisierung von Peter zu Petrus. Möglicherweise hat auch die Familie Harßen die patronymische Namensgebung bereits im 16. Jahrhundert aufgegeben und Harßen schon als Familiennamen im 16. Jahrhundert geführt.
Der erste der drei historischen Persönlichkeiten gleichen Namens ist der Deichgraf Peter Harsen, der von 1654 bis 1663 erster Ratmann Pellworms war und als Küstenschützer und Politiker der wichtigste Verantwortliche für die Wiedereindeichung der Pellwormharde nach der Flut von 1634 war. Er starb kurz nach Beendigung seiner Amtszeit um 1665. Dieser einflußreiche Mann stiftete mit seiner Familie 1624 die Gemälde in den Rundbogenfeldern der Kanzel in der Alten Kirche. Auf ihr findet sich die Inschrift: „In gloriam altissimae trinitatis sugestum hoc pingi curabant filii et ge(n)ner Harre Bandickse(n)s Broder Harsen aetatis 34 placidi mortuus 1621 Leve Edlefsen, Ocke Harsen, Kanut Harsen Petr. Harsen, Bandick Harsen, et Hans Harsen Anno 1624“. (Zur Ehre der allerhöchsten Dreieinigkeit sorgten dafür, daß diese Kanzel bemalt wurde, die Söhne und der Schwiegersohn Harre Bandicksens Broder Harsen, der mit 34 Jahren 1621 milde starb usw.).
Von 1675 bis 1690 verzeichnet die Liste der Pellwormer Ratleute einen weiteren großen Landbesitzer und Ratmann namens Peter Harsen, der sich auf der Stiftertafel der Arp-Schnitger-Orgel von 1711 als „s= He= Peter Harsen Rathm=.“ findet. Der Buchstabe „s“ bedeutet ‘selig’, d.h. er hat sich an der Vorbereitung zum Orgelbau noch finanziell beteiligt und ist in den Jahren zuvor verstorben. 1691 gehörte er zu den Stiftern des Beichtstuhles in der Alten Kirche. Sein Name und die der anderen Stifter finden sich in der Inschrift im Gebälkwulst in vergoldeten Frakturbuchstaben. Diesem zweiten Mann unter den drei gleichnamigen ist wohl der heute an der Außenwand der Alten Kirche befindliche Grabstein aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts zuzuordnen, welcher einst im Innern des Gotteshauses das Grab des „wohlehrenfesten großachtbaren und wohlfürnehmen Peter Harsen und seine Frau Elsebe“ abdeckte, bis er am Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Restaurierung des Chorraums entfernt wurde. Auf diesem Stein ist auch das Wappen der bedeutenden Pellwormer Familie, drei Bäume und ein springender halber Hirsch, zu sehen. Nach dem Nordstrandinger Hebungsregister von 1684 (veröffentlicht bei Dorothea v. Chamisso‚ Pellworm im Jahrhundert der großen Flut, 1986, S. 215 ff.)‚ besaß dieser Peter Harsen allein in seinem Amtsbezirk (RathMansLag)‚ über 197 Demat Land. Doch sein Besitz wird noch größer gewesen sein, da für ihn in einem anderen Bezirk Pellworms weitere 66 Demat verzeichnet sind.
Der dritte ist der Verfasser unseres kleinen Dokumentes aus dem Kirchenarchiv, welcher zur Zeit der Abfassung seiner Hochzeitsbürgschaft selbst Theologiestudent war. An der Südwand unserer Alten Kirche nahe bei der Arp-Schnitger-Orgel hängt ein ovales Bildnis dieses Mannes, des Pastors Petrus Harssen, mit der Inschrift: „Hr. Petrus Harssen Past: Bei Der alten Kirche Natus Pellworm 1677 Den 16. Junii Vocatus 1702 Den 26. Martii Et Denatus 1740 Den 20. Octobris“.
Peter Harssen kam also am 16. Juni 1677 auf Pellworm zur Welt und gehörte in etwa zu Jahrgang Christian Nommensens. Er studierte u. a. in Kiel Theologie. 1701 ist er dort noch an der Christian-Albrechts-Universität eingeschrieben. In der Kieler Immatrikulationsliste ist er als „Nordstrandensis“ eingetragen. Es wird jedenfalls eines seiner letzten Studiensemester gewesen sein, denn im Jahr 1702 ist er bereits als Compastor an der Alten Kirche zu Pellworm tätig.
Verheiratet war Petrus Harssen mit Dorothea, geb. Rachelin. Sie wird auf dem zweiten Ölgemälde mit einem goldbestickten Kleid, dunklem Schultertuch und weißer Haarschleife portraitiert. Zudem trägt sie an einer Halskette ein kleines Perlenkreuz. Die Inschrift auf ihrem Bild lautet: „Fr. Dorothea Harssen Pasto: gebohrne Rachelin. Nata zu Tetenbüll Ao.1686 Den 13. Octobris. ET Denata Pellworm. 1721 Den 19. Juni.“
Die Frau des Pastor Petrus Harssen wurde am 13. Oktober 1686 in Tetenbüll auf Eiderstedt geboren und kam aus einer bedeuten Gelehrten- und Theologenfamilie des 17. Jahrhunderts. Dorothea Rachelins Vater war der Pastor Mouritz (Mauritius) Rachel (1656-1699), der in Heide zur Welt kam, in Kiel Theologie studierte, 1680 Rektor in Tönning, 1683 zunächst Diakon und dann Pastor in Tetenbüll und ab 1693 Compastor und schließlich Hauptpastor in Tönning bis zu seinem Tode war. Aus dieser Familie stammte auch der bedeutende Professor der Rechtswissenschaft Samuel Rachel (1628-1691), der zur ersten Generation der 1665 in Kiel gegründeten Christian-Albrechts-Universität gehörte.
Der Pellwormer Theologe Petrus Harzen wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch an anderen Universitäten studiert haben und dort möglicherweise Christian Nommensen kennengelernt haben, für den er 1697 bürgt. Weil er dafür Zeugnis ablegt, daß Christian Nommensen ledig war, muß er mit ihm in den vorherigen Jahren gemeinsam studiert haben.
Christian Nommensen hatte noch anderen Kontakt mit nordschleswigschen und nordfriesischen Theologiestudenten, wie es ein Blick in die Studentenlisten seiner Zeit deutlich aufzeigt: In Wittenberg besuchte Christian Nommensen 1692 die namhafte Universität zusammen mit dem Sonderburger Pastorensohn Johannes Stenlosius, der von 1712 bis 1741 Propst von Aerö war, und mit dem Drelsdorfer Pastorensohn Nicolaus Cnuthi. In Kopenhagen waren Christianus Closter aus Hadersleben, später Pastor in Oldenburg, und Michael Cröger, ebenfalls aus Hadersleben, zuletzt Pastor in Andebo (Norwegen), Nommensens Studienkollegen.
Das Leben Christian Nommensens war kurz. Nur ein Jahr nach der Abfassung des Dokumentes seines Pellwormer Freundes Petrus Harssen (Peter Harßen) ist er gestorben. Und das nun gesicherte Kirchenarchiv unserer Insel bewahrt in seinem ältesten Zeugnis diese winzige Nachricht über ihn. Sein Todestag steht in dem Werk von C. L. Lengnick „Studenter jordede i Kjobenhavn 1649-1814“ verzeichnet.
Manfred Karl Adam


Nachrichten aus dem Archiv unserer Kirchengemeinde
Das historische Archiv der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Insel Pellworm befand sich vor fünfzehn Jahren in einem Zustand, der eine weitere Sichtung und Sicherung des Aktenbestandes nötig machte. Ein erster Zugang zu dePellwormer Kirchenbüchern wurde durch Heinz Levsen gefunden, der seit Jahrzehnten die Familiengeschichte unserer Insel in den Tauf-, Trauungs- und Sterberegistern sachkundig und gewissenhaft erforscht hat. Die Pellwormer Kirchenbücher lagerten jedoch in einem mangelhaften, provisorisch in den sechziger Jahren gebauten Bodenraum des Pastorates bei der Alten Kirche.
Zunächst wurde 1989 veranlaßt‚ sämtliche Kirchenbücher zu verfilmen, so daß für jeden Heimatforscher eine Einsicht am Lesegerät im Archiv unseres Husumer Kirchenkreisamtes durchgängig möglich ist, ohne die Bände dem Tageslicht auszusetzen und so weiter abzunutzen. Zudem war es äußerst wichtig, die einmaligen Dokumente zur Familiengeschichte Pellworms dauerhaft in einer Filmkopie zu sichern. Der Brand im Jahre 1783 bei der Alten Kirche hatte damals nicht nur sämtliche umliegenden Gebäude und das Glockenhaus vernichtet, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch einen großen Teil anderer älterer Dokumente verloren gehen lassen. Die ältesten Kirchenbücher der Alten Kirche scheinen von dieser Katastrophe nur teilweise betroffen gewesen zu sein. Sie sind von 1751 an erhalten, während für die Neue Kirche z. B. Tauf- und Sterberegister seit 1715 vorhanden sind.
Das weitere historische Aktenarchiv befand sich in einem kleinen Raum neben dem Amtszimmer im Pastorat und war vor Jahren – Gott sei Dank – von Erich Beese vorgeordnet und vorläufig gesichert worden. Schon Pastor Heinrich Hansen (1861-1940), dem Vater Pastor Karl Hansens, war bei der Sichtung des Archivs der damaligen Gemeinde der Alten Kirche vor einhundert Jahren aufgefallen, daß die wenigen ältesten Aktenstücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert fast verfallen waren. Heinrich Hansen schrieb diese Dokumente eigenhändig ab und leitete am 18. September 1906 die Abschriften mit folgenden Worten ein: „Inliegende alte Aktenstücke fand ich zum größten Teil im alten Wandschrank bei der Treppe im Pastorat. Ich habe sie abgeschrieben in der Zeit vom 22. August bis zum 18. September 1906. Die Aktenstücke haben für die jetzige Zeit zwar keinen geschäftlichen, wohl aber historischen Wert. Darum habe ich auch unbedeutende Schriftstücke nicht ausschließen zu dürfen geglaubt, da sie immerhin auf die Zeit, darin sie entstanden sind, ein Schlaglicht zu werfen imstande sind. ... Durch das Abschreiben dieser alten Papiere, die sonst unfehlbar in dem feuchten Marschklima Pellworms wie so manches andere durch Vermorschung verloren gegangen wären, hoffe ich der Nachwelt einen Dienst erwiesen zu haben.“
Sozusagen ‘auf den Fußspuren Pastor Heinrich Hansens’ wurde zunächst der provisorische Bodenraum, der völlig feucht war und zudem keinerlei Brandschutz hatte, abgerissen. Küster Heinrich Ewers errichtete dann ein neues, etwa dreißig Quadratmeter großes Zimmer aus Wänden, die brandsicherer sind. Eine feuerhemmende Metalltür wurde beschafft und ebensolche Schränke für die Kirchenbücher. Zunächst wurden diese Kirchenbücher in säurefreien Kartons gelagert, die dem heutigen Archivstandard entsprechen. Das Fenster erhielt ein lichtundurchlässiges Rollo, und Küster Heinrich Ewers baute einen großem Archivtisch. Dann wurde sämtliches weitere Archivmaterial gesichtet und in dem neuen Raum vorläufig aufbewahrt.
Der ‘geneigte Leser’ dieses Berichtes möge sich bitte vorstellen, daß solche Archivarbeiten – auch die des Küsters – meist in der Freizeit geschehen. Notwendigerweise stand und steht unsere Kirchengemeinde bei solcher Tätigkeit in ständigem Kontakt mit den Fachleuten des Nordelbischen Kirchenarchivs in Kiel und dem langjährigen Kirchenkreisarchivar Uwe Boyens aus Husum, der fachkundig die Kirchenarchive unserer Region aufgearbeitet und betreut hat. Ab 1998 half dann der junge Historiker von der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswald, Dr. habil. Martin Krieger. Er nahm eine detaillierte Sichtung sämtlicher Pellwormer Dokumente sowie eine vorläufige Gliederung des schriftlichen Materials vor. Daß Dr. habil. Krieger selbst Hand bei der sog. ‘Entmetallisierung’ anlegte, d.h. sich nicht zu schade war, die notwendige Entfernung alter Heftungen und rostiger Büroklammern vorzunehmen, zeigt seine umfassende Kenntnis im Umgang mit historischen Archiven. Er sichtete mit dem Pastor auch die bereits von Pastor Heinrich Hansen 1906 aufgefundenen ältesten Aktenstücke, die, auseinandergefallen in Teilstücke und mit Schimmelpilz verdorben, nur noch durch eine sorgfältige Restaurierung zu retten waren. Es ist der Umsicht unseres Kirchenvorstandes zu verdanken, sofort die nötigen Finanzmittel zur Sicherung und Wiederherstellung dieser ältesten Dokumente unserer Insel bereitgestellt zu haben!
Nach der Durchsicht wurde in einer mehrjährigen Arbeit, die in sehr großen Zeitabständen und meist während der Urlaubstage unter der Federführung von Uwe Boyens vom Kirchenkreis und Peter Bahr vom landeskirchlichen Archiv stattfand, der gesamte Archivbestand in 415 Archivmappen eingeordnet und in fast 90 säurefreien Kartons gelagert. Weiter galt es, die Erschließbarkeit der Aktenbestände nach unserer landeskirchlichen Norm möglich zu machen und ein sog. ‘Findbuch’ zu erstellen. Es ist unserem Kirchenkreisarchivar Uwe Boyens von ganzem Herzen zu danken, daß er sich dann bereiterklärte, das gesamte Archiv und die von Dr. habil. Krieger und dem Pastor angelegte Vorordnung noch einmal durchzusehen. Gleiches gilt Dr. Anette Göhres, Peter Bahr und Angelika Mittelsteiner sowie für andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nordelbischen Kirchenarchivs. Ihnen ist zu danken, daß das Findbuch des Archives der Kirchengemeinde Pellworm in diesem Sommer fertiggestellt wurde.
Das Archiv unserer Pellwormer Kirchengemeinde ist ein kleiner, aber nicht unwichtiger Baustein für die Erforschung der Heimatgeschichte Nordfrieslands und der Landesgeschichte Schleswigs. Es wäre wünschenswert, die entsprechenden Archive anderer Kirchengemeinden der Uthlande Nordfrieslands (Nordstrand, Hooge, Langeneß, Nordstrandischmoor etc.) in einem vereinten Findbuch zu vernetzen‚ um für die gemeinsame Geschichte die Forschungsmöglichkeiten zu vereinfachen. Eine zusammenhängende Erfassung der Kirchenbücher auf dem Wege der elektronischen Datenverarbeitung wäre der weitere und größte Schritt zur Vereinfachung jeder Familienforschung und der regionalen Kirchengeschichte. Daß hier aus Gründen des Datenschutzes diese Erfassung nur bis ins 19. Jahrhundert reichen darf, ist ohne großen Belang. Auch eine regional schnell zugängliche und zusammenfassende Verzeichnung kirchlicher Archivbestände des Landesarchives Schleswig-Holstein, des Nordelbischen Kirchenarchives und des Reichsarchivs Kopenhagen (Tyske kancelli‚ der sog. Deutschen Kanzlei) würde durch eine gemeinsame EDV-Auflistung der vorhandenen Bestände die Forschung erheblich erleichtern.
Für Pellworm sind beispielsweise die im Schleswiger Landesarchiv befindlichen Nordstrandinger Hebungsregister und Landgeldrechnungen eine der letzten Quellen‚ familienkundliche Daten und Nachrichten aus der Zeit vor den vorhandenen Kirchenbüchern zu erlangen. Im Landesarchiv befinden sich ebenso die wenigen kirchlichen Archivbestände der 1634 und in den Jahren darauf untergegangenen bzw. ausgedeichten Kirchspiele (z. B. Brunock, Buphever, Ilgroff, Osterwold etc.). Gleiches gilt im übrigen für eine Datenbestandszusammenfassung der Kommunen und Kirchengemeinden, da nach der Trennung von Staat und Kirche und der Aufhebung des kommunalen Patronates auch die Archivbestände aufgeteilt worden sind. Hierzu haben bereits vorbereitende Gespräche zwischen dem Museums- und Archivleiter der Gemeinde Pellworm und der Kirchengemeinde stattgefunden.
Manfred Karl Adam


Der Rathmann Adolph Lorentzen
Spuren eines friesischen Politikers und Kirchenmannes des 17. und 18. Jahrhunderts in den Kirchen Pellworms
In unserer Alten und Neuen Kirche finden wir auf Bänken, Kanzeln oder Wandbildern häufig die Vor- und Nachnamen von Pellwormer Bürgern aus vergangenen Jahrhunderten. Bei den sommerlichen Kirchenführungen wird von interessierten Urlaubern nicht selten nachgefragt, welche Bedeutung die aufgeführten Personen für unsere Insel hatten.
Namen sind doch nicht Schall und Rauch. Wer die Neue Kirche betritt, kann gleich auf dem Deckenbalken über der Orgelempore nachlesen, daß bei der grundlegenden Renovierung und Umgestaltung dieses Gotteshauses vor 136 Jahren der Rathmann Adolph Lorentzen noch im historischen Bewußtsein der Gemeinde lebendig war als einflußreicher Pellwormer, der in den Jahren zwischen 1695 und 1722 die Inselgeschichte und besonders unsere Neue Kirche nachdrücklich gestaltet und gefördert hat.
Bei dieser umfassenden Restaurierung der Neuen Kirche im 19. Jahrhunderts hatten die Gemeinde und die Obrigkeit ein völlig anderes denkmalpflegerisches Verständnis, als es heute üblich ist, und viel weniger Sinn für die Erhaltung früherer Gestaltungen des Kirchenraumes. Aber die Erinnerung an den Rathmann Adolph Lorentzen war damals noch gegenwärtig. Auf dem Balken ist sie in schwarzer Schrift zu lesen: „Rathm. Adolph Lorenzen[!]. 1704 Zum dankbaren und ehrenden Andenken. 1867 Christina Adolphs“.
Adolph und Christina Lorentzen waren der Neuen Kirche als Ehepaar sehr verbunden. 1696 hatten sie bereits ein Herzensgeschenk gemacht und der Kirche einen Abendmahlskelch aus vergoldetem Silber gestiftet mit der Widmung: „Adolph Lorentzen undt seine Ehe Frau Christina Adolphs verehren diese [!] Kelch Gott zu ehren und der Kirchen zum zierde aufm Altar an der neuen Kirchen in Pilwurm 1696“.
Wenige Jahre später wurde ab 1704 die Neue Kirche, die 1621/1622 neu erbaut worden war, völlig umgestaltet. Adolph Lorentzen, seine Frau und der damalige Pastor Titus Axen und dessen Frau stifteten die kostbare Ausmalung der sichtbaren Balkendecke mit Propheten- und Apostelbildern und darin eingereihten Szenen biblischer Geschichte. Nach dem Kirchenbrand 1998 wurde vergeblich nach Resten dieser Deckengemälde gesucht, die bei der Restaurierung 1867 wahrscheinlich gänzlich entfernt wurden.
Vor fast dreihundert Jahren ließ Adolph Lorentzen auch das von seinem Großvater um 1570 der Kirche von Ilgroff gestiftete Wandbild (heute über dem Beichtstuhl) renovieren, wie es in der Inschrift des Epitaphes zu lesen ist: „Gott zu Ehren, der Kirchen Zur Zirat, hat Tomas Elersen dieses Epitaphium, in der inundirten Kirchen Ilgroff verehret, und ao 1636, anhero von sein Sohn Lorentz Tomsen versetzet worden, welches sein Sohn Edleff Lorentze [!] renoviren lassen 1704“.
Adolph (oder in friesischer Namensaussprache Edleff) Lorentzens Großvater muß in der durch die Flut von 1634 völlig zerstörten Nachbargemeinde Ilgroff ebenfalls ein wohlhabender und einflußreicher Mann gewesen sein, der sich für sein Wandbild die Rahmung durch den bedeutenden Bildhauer Johann v. Groningen fertigen lassen konnte. Kniend unter einer gemalten Szene aus Dürers Kupferstichpassion (B 13) als Vorlage des Künstlers ließ sich Adolph Lorentzens Ahnherr porträtieren.
Das Wandbild kam wie der Ilgroffer Altar in die Neue Kirche. So wie sich die meisten der überlebenden Rathmänner Alt-Nordstrandes nach der Flut von 1634 in die Pellwormharde begaben, war auch Adolph Lorentzens Vater Lorentz Tomsen in den Bereich der Neuen Kirche gezogen und hatte sich Ansehen und anfänglichen Wohlstand erarbeitet.
Zur Erneuerung der Neuen Kirche trug auch der prächtige Kronleuchter erheblich bei, den Adolph Lorentzen wiederum mit seiner Ehefrau stiftete. Die Inschrift in der Messingkugel berichtet dazu: „EDLEF LORENSEN UND SEINE HAUS FRAU CHRISTINA HABEN GOTT ZU EHREN UND DER KIRCHEN ZUM ZIERATH DIESE KRONE IN DER NEUE KIRCHEN ZUR GEDECHTNIS VEREHRET IN PILWORM ANNO 1704“.
Ein rundes Brustschild im Kronleuchter zeigt das Familienwappen zweifach: ein von gekreuzten Pfeilen durchbohrtes Herz, das auf die Verehrung der Maria in ihrem Leiden hinweisen sollte. In der rechten Helmzier des einen Wappens ist ein Mann mit Schwert und Waage zu erkennen, welcher symbolisch für die Tätigkeit des Rathmanns als Richter steht. Das andere Wappen zeigt an gleicher Stelle eine Lilie als Zeichen für Gerechtigkeit und Reinheit. Die Lilie war in der Marienverehrung das Sinnbild für Tugend und Jungfräulichkeit. Diese Wappenbeigaben können möglicherweise bereits aus der Zeit vor der Reformation stammen, in der die Marienfrömmigkeit für die Familien Alt-Nordstrands u.a. in einem Marien-Kaland (Mariengilde) und dem erhaltenen Mariensiegel aus dem 15. Jahrhundert für Pellworm bezeugt ist.
Die Umgestaltung der Neuen Kirche, ihre überaus prächtige Bemalung und die Ausstattung mit kostbarem Inventar wurden 1704/1705 im wesentlichen durch Adolph Lorentzen und dessen Ehefrau ermöglicht.
In der Wirtschaft und Selbstverwaltung Pellworms nach der Flut von 1634 war Adolph Lorentzen als Gevollmächtigter und Rathmann einer der einflußreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein weitaus überdurchschnittlicher Landbesitz zeigt sich in der Nordstrander Landrechnung von 1706, die für Adolph Lorentzen über 111 Demat ausweist. Er besaß einen Krug bei der Neuen Kirche. Die leere Warft hinter der heutigen Meierei wird sein stattliches Haus getragen haben. Und auch im Umschlag des Handels war Adolph Lorentzen als Schiffseigner von nicht geringem Einfluß. Dorothea v. Chamisso beschreibt in ihrer 1986 erschienenen Untersuchung „Pellworm im Jahrhundert der großen Flut“ nachdrücklich die Aufbauleistung der zweiten Generation der Rathmänner, Gevollmächtigten und Deichgrafen nach der Flut von 1634. Ihre Verwandte Emmy Jensen verwahrt die ausführlichen Manuskripte der Vorarbeiten zu diesem Thema und hat diese dankenswerterweise dem Verfasser zur Einsicht gegeben für diesen kleinen Beitrag.
Adolph Lorentzen hatte mit den bedeutendsten Männern Pellworms, die sich um die politische Verwaltung und den Deichbau der Insel kümmerten, und mit den Pastoren seiner Lebenszeit eng zusammengearbeitet und die Marscheninsel nach der furchtbaren Katastrophe der Flut tief geprägt. Titus Axen (Pastorendienstzeit 1693-1705), Johann Friedrich Heseler (1707-1711), Friedrich Hauptmann (1711-1717) und Johann Diederich zum Felde (1718-1727) waren die Pastoren, mit denen Adolph Lorentzen an der Neuen Kirche zusammenwirkte, und Broder Thomsen, Peter Harsen und Martin Tetens, die Diakone oder Pastoren der Alten Kirche. Tye Ocksen, Adrian Balck, Peter Carstensen, Nommen Brodersen, Knut Bandicksen und Peter Finck standen über zwei Jahrzehnte als Rathmänner mit ihm in Verbindung.
Dieser rege geistige, geistliche und politische Austausch zeigt sich in ganz besonderem Maße auf der Stiftertafel der Orgel in der Alten Kirche, die im Jahr 1711 bei Arp Schnitger fertiggestellt wurde. Wiederum war Adolph Lorentzen, wie es die Tafel an der Nordwand belegt, einer der führenden Geldgeber.
Und auch die silberne Oblatendose in der Neuen Kirche soll er 1713 bei einem Stockholmer Silberschmied für seine Heimatkirche erworben haben. Als das im Südwesten der Neuen Kirche gelegene Pastorat 1716 neu erbaut wurde, war Adolph Lorentzen die letzten Jahre im Amt als Rathmann. Noch heute sind im Giebel des großen Friesenhauses seine Initialen A L zu sehen und die Buchstaben A B, die wohl zu Adrian Balck gehören, der Adolph Lorentzen nach dessen vermutlichem Tod um 1722 im Amt des zweiten Rathmanns von Pellworm direkt nachfolgte.
Heinz Levsen hat in seiner für Pellworm und die nordfriesische Heimatgeschichte unentbehrlichen Veröffentlichung über die „Warfteigentümer und Landeigentümer Pellworm“ (1991) für die o.a. Warft hinter der heutigen Meierei für das Jahr 1741 noch einen Adolph Lorentzen als Eigentümer angegeben. Dieser könnte aber lediglich ein Nachfahre (Enkel?) des Rathmannes gewesen sein.
Denn nachweislich ist spätestens 1724 Adolph Lorentzen nicht mehr als Rathmann aufgeführt. 1722 taucht sein Name letztmalig in einer amtlichen Urkunde auf. Die Spuren des Pellwormer Politikers und Kirchenmannes des 17. und 18. Jahrhunderts verlieren sich fast zwei Jahrzehnte vor 1741 in einem Dokument aus dem Jahr 1723, welches ein anderer ihm nachfolgender Rathmann mit folgenden Worten unterzeichnet: „Behrend Claußen für mich und Sehl. Adolph Lorentzen’s Weib (oder Witwe) imgleichen für meine Mündel“. Adolph Lorentzen war also tot.
Das Sterberegister der Neuen Kirche weist keinen Eintrag über die Beerdigung Adolph Lorentzens auf Pellworm aus. Kirchenbücher der Alten Kirche gibt es aus diesen Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts leider nicht mehr. Es ist aber durchaus denkbar, daß der namhafte Politiker, Hofbesitzer, Kaufmann und Stifter in Husum seine letzte Ruhestatt gefunden hat. Hier kann die Spurensuche fortgesetzt werden.
Manfred Karl Adam


„Kanzelkunde“ – Ein Beitrag zur Geschichte unserer Neuen Kirche
Über das Schicksal der Alt-Nordstrander Kirchen nach der Flut von 1634 gibt ein im Schleswiger Landesarchiv (LAS Abt. 18 Nr. 69) befindlicher Bericht aus dem Jahre 1641 Zeugnis. Peter Schmidt-Eppendorf ist es zu verdanken, diesen Bericht 350 Jahre nach der Katastrophe erstmalig veröffentlicht zu haben („Die erschreckliche Wasser-Fluth“ 1634, hrsg. v. Andreas Reinhardt, Heimatkundliche Schriften des Nordfriesischen Vereins, H. 9, Husum 1984, S. 63-148).
Johannes Heimreich (1568-1664) ist der vermutliche Verfasser dieser Handschrift. Sein Sohn Anton Heimreich (1626-1685) zeichnete in der ‘Nordfresischen Chronik’ auf, daß Johannes Heimreich als Pastor der Alten Kirche, Kirchencommissar und Inspector der Nordstrander Kirchen den herzoglichen Auftrag wahrnahm, mit dem Landschreiber Balthasar Novock eine detaillierte Übersicht über die verheerenden Schäden der 22 Kirchspiele der überfluteten Insel, ihrer Kirchengebäude und des Inventars zu erstellen. In Zusammenarbeit mit dem Landschreiber, mit Rathmännern und Kirchenvertretern, hält der Bericht vom 9. März 1641 u.a. die Geschichte des Verbleibs der Kirchenschätze der zerstörten und ausgedeichten Kirchen fest.
Auch das Kirchspiel Ilgruff (auch Ilgruf, Ilegruff oder Ilgrof geschrieben) wird von Johannes Heimreich und seiner Kommission mehrfach besucht, um den Wert des Kircheninventars für einen Verkauf zu schätzen. U.a. gehörte der Rathmann Johann Hummersen zu diesem Team, dessen Grabstein wir nach dem Brand der Neuen Kirche im Schutt unter dem Fußboden auffanden. Und am Ende der Aufnahme des Bestands der Kirche von Ilgruff vermerken die damaligen Gutachter (p. 27r, bei Schmidt-Eppendorf S. 83. u. 86.): „Mit den Sacris ornamentis von Illgruff verhelts sich also: Altar und Predigstuel soviel davon ausgehoben sein bey der Kleinen Kirch zu Pillwurm beygesetz.“
Diese Eintragung bewirkte, daß bis in die wissenschaftliche Literatur unserer Zeit hinein in Kunstgeschichte und Heimatforschung davon ausgegangen wurde, der Altar und die Kanzel unserer Neuen Kirche stammten ursprünglich aus der untergegangenen Nachbarkirche von Ilgruff.
In dem vom damaligen Provinzialkonservator Ernst Sauermann 1939 herausgegebenen Werk „Die Kunstdenkmäler des Kreises Husum“ deuten die Bearbeiter den Vermerk von 1641 über die Überführung des Altars und der Kanzel von Ilgruff nach Pellworm als tatsächlichen Verbleib in der Neuen Kirche und schreiben über unsere Kanzel (S. 224): „1638 aus Ilgrof gekommen.“ Und auch Marcus Petersen nimmt in seiner für unsere Kirchengemeinde wichtigen Schrift „Kirchenschätze auf Pellworm“, die 1983 erschien, weiter an (S. 86): „Die Kanzel ist um 1600 für die Kirche zu Ilgrof gestiftet worden und nach der Sturmflut 1634 – wahrscheinlich zusammen mit dem Flügelaltar – nach Pellworm gekommen.“
Doch die Antiqua-Inschriften der eichenen Kanzel geben eine deutlichere Auskunft über den Hintergrund der Entstehung dieses Predigtstuhls. Zunächst sei ein Blick auf den im Niederdeutsch der Zeit geschriebenen biblischen Vers geworfen: II. COR. V, 20. WI SINT BADEN IN CHRISTVS STEDE, WENTE GODT VORMANET DORCH VNS V. COR.
Wir erfahren durch dies biblische Votum durchaus etwas über das Glaubensverständnis der damaligen Stifter. „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns.“ So lautet das Motto der auf der Kanzel aufgeführten Personen. Die erwähnten acht Männer sahen ihre Verantwortung wie die Apostel in der Aufgabe von Verkündigung, Gemeindeleitung und Ermahnung für die Kirchengemeinde, der sie angehörten.
Es folgen die Stifternamen: FEDDER HANSEN VND IOHAN HANSE HANS HARSEN VND IOHAN HVMMERSEN VND NOCE HVMMERSEN H. IOHANES WALTZEN HVMMER IOHANSEN LEVE EDDELEFSEN D.N. IOHAN SWENSEN BAVWEHEREN.
Wer waren nun diese Männer, die sich als ‘Bauherren’ der Kanzel im Eichenholz verewigen ließen? Käme unsere Kanzel tatsächlich aus der nur wenige Kilometer östlich des heutigen Bupheverkooges versunkenen Kirche Ilgruffs, dann müßten hinter diesen Stifternamen bedeutendere Einwohner des zur früheren Pellwormharde gehörigen Kirchspiels stehen.
Aber die Suche nach den Männern, deren Namen auf der Kanzel der Neuen Kirche stehen, bringt ein ganz anderes und bisher in der Forschung übersehenes Ergebnis:
Fedder Hansen ist der nach 1634 belegte gleichnamige Rathmann Pellworms, der zusammen mit Ocke Harrsen, Fedder Levesen und Hermann Tilly zu den ersten Rathmännern nach dieser verheerenden Flut gehörte.
Über Johan Hanse konnte der Verfasser bisher nichts erfahren, vielleicht ist er ein Bruder des vor ihm genannten.
Hans Harsens Name steht auch auf der 1624 erneuerten Kanzel der Alten Kirche. Er ist der Bruder des Rathmannes Ocke Harsen. Beide stifteten mit ihrer Familie im genannten Jahr die Bemalung der Kanzel der Alten Kirche. Und die Stiftung in der benachbarten Hardeskirche Pellworms gibt uns den ersten Zeithinweis für die Kanzel in der Neuen Kirche!
Der aufgeführte Johan Hummersen ist wohl der später bekannte Pellwormer, der von 1663 bis 1676 dann als erster Rathmann amtierte und von dessen Grabstein wir Reste in der Neuen Kirche vorfanden. Der nachfolgende Noce Hummersen könnte ein naher Verwandter des Ersteren sein.
Die weiteren Namen der BAVWEHEREN geben schließlich die genaue Auskunft über die Zeit und den Ort der Aufstellung unser Kanzel in der Neuen Kirche.
H. Iohanes Waltzen ist zweifellos der Pastor zur Zeit des Neubaus unserer Neuen Kirche. Anton Heimreich nennt in seiner Chronik für das Jahr dieses zweiten Neubaus die genaue Jahreszahl 1622. Das H. steht für „Herr“ und ist als Titel Namensbestandteil eines Pastors. Die Namensschreibweise ändert sich oft im 17. Jahrhundert innerhalb eines Dokumentes. Iohanes Waltzen ist der Pastor Johannes Woltsen (15...-1625), der von 1616 bis 1625 Pastor der Neuen Kirche gewesen ist und neun Jahre vor der Flut von 1634 starb. Er ist der Sohn von Otto (oder Ocke) Woltsen, der 1616 verstarb und zunächst Diakon in Gaikebüll, dann bei der Alten Kirche zu Pellworm und von 1582 bis 1616 als Vorgänger seines Sohnes Pastor der Neuen Kirche war. Otto Woltsen soll von Odenbüll stammen.
Hummer Johansen ist bei Deichbaumaßnahmen für das Jahr 1616 als Pellwormer nachgewiesen. Er kann nach der Form der nordfriesischen Namensgebung der Vater Johann Hummersens sein. Als Deichrichter ist er in einem Bericht des Landschreibers Peter Fincke vom 22.9.1618 erwähnt.
Und der folgende Name des Leve Edleffsen findet sich auch auf der Kanzel der Alten Kirche, deren Bemalung 1624 vom Rathmann Ocke Harsen, dessen Brüdern Kanut, Peter, Bandick und Hans Harsen sowie dem genannten gemeinsamen Schwager Leve Edleffsen gestiftet wurde.
Ein Johan Schweensen wird als Deichrichter in einer Anordnung des Stallers vom 10.7.1617 erwähnt. Er hatte u.a. seinen Besitz im Alten Koog. D. N. kann die Abkürzung der Anrede ‘Dominus’ sein, auf deutsch ‘Herr’, die einem amtierenden Deichrichter zustand.
Wichtige Persönlichkeiten der Pellwormharde, der Pastor der Neuen Kirche, Rathmänner, Deichrichter und Angehörige bedeutender Familien Pellworms haben also die Kanzel um die Zeit des Neubaus unserer Neuen Kirche über ein Jahrzehnt vor der Flut von 1634 gestiftet. Und es ist durchaus denkbar, daß Pastor Johannes Woltsen gemeinsam mit den führenden Personen Pellworms die Kanzel zum Neubau der Neuen Kirche 1622 gestiftet hat.
Wo die Kanzel von Ilgruff verblieben ist, bleibt unbekannt. Es war aber nach der Katastrophe von 1634 durchaus üblich, Kircheninventar von Nachbargemeinden bis zu deren Weiterverkauf in einem erhaltenen Kirchengebäude aufzubewahren.
So verhielt es sich beispielsweise auch mit der heute in Ockholm befindlichen Kanzel, die stilistisch mit der in der Neuen Kirche eng verwandt ist. Ihre Kanzeltür bezeugt in einer Inschrift das Jahr 1620 und belegt schon dadurch den zeitlichen Zusammenhang mit der Kanzel der Neuen Kirche. Ein späterer inschriftlicher Zusatz, daß „diesen Kanzel u: Tauffstein aus Odenbül in Nordstrand erkauft“ sei im Jahre 1647, bezeugt deutlich Odenbüll als den vorläufigen Ort der Herkunft.
Da aber die St. Vinzent Kirche zu Odenbüll auf dem heutigen Nordstrand seit dem Jahr 1605 die von der Familie Melfsen gestiftete und kunstgeschichtlich herausragende Kanzel nach dem sog. Eiderstedter Typus als wertvolles Inventar besitzt und schwerlich zwei Predigtstühle in dieser Kirche vorhanden gewesen sein können, stellt sich die Frage, woher denn die Ockholmer Kanzel stammt?
Aber bereits der erste Stiftername auf der jetzigen Ockholmer Kanzel gibt eine klare Antwort auf den Ursprungsort ihrer Herkunft: H. Hennrius Bruns. Das ist ‘Herr’ Hinrich Bruns († 1639), der 1620 erst Diakon in dem Odenbüll benachbarten Evensbüll war und ab 1626 der dortige Pastor. Seine Schwester Magdalena war die Ehefrau Johannes Heimreichs. Und beider Vater Antonius, von 1583 bis 1613 (1623?) ebenfalls Pastor zu Evensbüll, der Großvater und Namensgeber unseres nordfriesischen Chronisten Anton Heimreich.
Die Evensbüller Kanzel war also nach der endgültigen Aufgabe des Kirchspiels und der Einpfarrung nach Odenbüll dort zwischengelagert und dann nach Ockholm verkauft worden.
So könnte es auch mit der Kanzel Ilgruffs geschehen sein, über deren Verbleib bisher keine Erkenntnisse vorliegen.
Daß zahlreiche Kirchenschätze der in den Jahren nach 1634 untergegangenen Kirchen Alt-Nordstrands die mörderische Flut überlebten und im kirchlichen Gebrauch christlicher Gemeinden blieben, ist für die Menschen auf den Inseln und Halligen eigentlich eine österliche Geschichte. Die Taufe aus Buphever in unserer Alten Kirche, der wunderbare Altar Ilgruffs in der Neuen Kirche auf Pellworm oder der Altar Rörbeks, der heute in Bordelum steht: unsere Kirchenschätze in vielen Kirchen Nordfrieslands sind keine Museumsstücke, sondern lebendige Zeichen des Lebenswillens, der Glaubensstärke und der Auferstehungshoffnung der Menschen, die seit Jahrhunderten der Bedrohung ihrer Heimat durch die Fluten der Nordsee standhielten und standhalten
Der Predigtstuhl unserer Neuen Kirche ist und bleibt also eine ‘echte’ Kanzel Pellworms, die um 1622 bei dem zweiten Neubau unseres Gotteshauses gestiftet wurde. Unser Predigtstuhl erzählt Pellwormer Kirchengeschichte: nordfriesische Kanzelkunde.
Manfred Karl Adam




 
 
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