Pellworm

Geschichte der Insel Pellworm

Die Geschichte Pellworms beginnt lange bevor hier eine Insel existierte. Allerdings heißt hier lange etwas anderes als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Wir betrachten sowohl erdgeschichtlich als auch kulturgeschichtlich recht kurze Zeiträume. Diese Region weist eine hohe Dynamik auf und diese Dynamik prägt das Leben der Menschen in ihrem Alltag bis heute.

Zwei Menschen besuchen kurz hintereinander Pellworm: Der eine ist mit der Fähre über eine weite Wasserfläche angefahren gekommen, wurde regelrecht im Meer ausgesetzt und musste auf einem Damm kilometerweit fahren, bis er die Insel erreichte. Der Andere, sechs Stunden später von Nordstrand aufgebrochen, fuhr auf einem schmalen Fluss durch eine weite Schlickwüste und erlebte die Gegend als weitgehend wasserfrei und unwirtlich. Beide haben die selbe Landschaft erlebt, der eine bei Hohlebbe, der andere bei Hochflut. In sechs Stunden und 25 Minuten ändert sich nicht nur das Bild, sondern auch die Energie der Bedrohung: Sie sind über einen großen Meeresarm gekommen, der in seinem Bett bei jeder Tide mehr Wasser bewegt, als Rhein und Maas in ihrer Mündung in 24 Stunden ausspucken, also als in ganz Mitteleuropa abregnen. Dieser Meeresarm ist noch keine 1000 Jahre alt und weist an seinen Rändern zahlreiche Kulturspuren untergegangenen Lebens auf.

Wie kommen solche rasanten Änderungen zustande und was verursacht sie? Wieso lassen sich Menschen in solch einer riskanten Gegend nieder und krallen sich bis heute an diesen, oft sehr feuchten, Boden? Wieso haben sich die heutigen Inseln Amrum und Pellworm, die etwa gleich groß sind, so völlig verschieden entwickelt? Und wo geht diese Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten hin? All diese Fragen werden uns heute beschäftigen.

Lassen Sie uns vor etwa 200.000 Jahren beginnen. Erdgeschichtlich ein sehr kurzer Zeitraum, verglichen mit der Entstehungsgeschichte der Mittelgebirge, die 300 Millionen Jahre oder der Alpen, die 60 Millionen Jahre andauert. Damals hielt die vorletzte Eiszeit, die Saale- oder Riß-Eiszeit, Europa in ihren Klauen. Die Eisgrenze verlief etwa da, wo heute das eigentliche Meer beginnt: An der Zehn-Faden-Linie. Diese Linie ist die Grenze zwischen dem Wattenmeer und der offenen See. Sie liegt etwa 15 bis 20 km westlich von hier. Dort setzte das Eis Endmoränen ab, lange und hohe Sandwälle aus mitgeschobenem und zerkleinertem Gestein Skandinaviens. Die Nordsee war ein leerer begehbarer Raum, denn in den mehrere 1.000 m hohen Eismassen waren große Teile des Oberflächenwassers der gesamten Erde gebunden.

Es dauerte Jahrzehntausende, bis das Eis abgeschmolzen war. Vor etwa 100.000 Jahren gab es in diesem Gebiet einen Meerbusen, das Eem-Meer. Er war nach Norden geöffnet, im Westen lagen ja die Endmoränen der Eiszeit und bildeten eine Barriere. Klima und Wassertemperatur glichen eher denen des heutigen Mittelmeeres, man könnte fast ein wenig neidisch werden. Das Eem-Meer war voller quirlenden Lebens und recht seicht. Es bildeten sich fruchtbare Ablagerungen aus Tier- und Pflanzenresten im Untergrund. Aber auch diese Warmphase war vorübergehend. Vor 25.000 Jahren hatte eine weitere Eiszeit, die Weichsel- oder Würm-Eiszeit ihren Höhepunkt erreicht. Wieder war die Nordsee trocken gefallen, wieder waren weite Teile des Oberflächenwassers im Eis gebunden. Diesmal verlief die Eisgrenze weiter östlich: Auf dem Höhenrücken des schleswigschen Festlandes, etwa da, wo heute die Autobahn 7 von Hamburg nach Flensburg verläuft. Das Schmelzwasser der Gletscher lief nach Westen ab, hier in diese Region. Es entstanden zahlreiche Urstromtäler, die in Ost-West-Richtung ausgerichtet waren. Dabei wurden die fruchtbare Ebene als Überbleibsel des Eem-Meeres und die Endmoränen der Saale-Eiszeit zerschnitten. Es entstand eine Landschaft mit Höhenunterschieden von bis zu 70 m.

Damals sind wohl auch die ersten Menschen in diese Region eingesickert. Sie lebten nördlich von hier, auf den Sandkernen der Moränen: Sylt und Amrum weisen zahlreiche Spuren der Steinzeit auf, aber auch bei Gröde hat man eine ganze Steinschmiede-Werkstatt gefunden. Dies Menschen unternahmen weitreichende Jagdkampagnen, noch heute finden Fischer auf der Doggerbank in ihren Netzen Überreste dieser Jagdzüge. Hier um Pellworm lassen sich aber keine Spuren nachweisen. Höchstens ein verdrifteter Steindolch oder eine Pfeilspitze tauchen hin und wieder im Watt auf. Aber bei all den Änderungen der letzten Jahrtausende, die hier deutlich größer waren als auf den Geestinseln, sind viele Spuren verwischt. Wir wissen von keiner steinzeitlichen Besiedlung des Pellwormer Raumes und haben wenig Chance, davon zu erfahren.

Mit dem Abschmelzen der riesigen Eismassen über Nordeuropa füllte sich die Nordsee wieder mit Wasser. Dieser Anstieg verlief zuerst sehr schnell, mehrere Meter waren es pro Jahrhundert. Bald erreichte die Küstenlinie die Urstromtäler und brandete gegen die dazwischen liegenden Sandkerne der Endmoränen. Die Täler füllten sich mit extrem feinem Schlick, die Endmoränen wurden zu langen Nehrungen auseinander gezogen und bildeten eine durchgehende Küstenlinie. Das war die Situation um etwa die Zeit von Christi Geburt. Anscheinend kam der Anstieg des Meeres damals zum Stehen. Das gesamte heutige Wattenmeer bildete eine Ebene, die durch die Sanddünen im Westen geschützt und nicht mehr bedroht war. Der Nordteil mit seinen Höhenrücken, den heutigen Inseln Röm., Sylt, Föhr und Amrum, war von Angeln und Sachsen besiedelt. Diese verließen aber anscheinend das Land in der Völkerwanderungszeit fast vollständig, um nach England überzusetzen. Der Südteil der Ebene war wesentlich unwirtlicher: Da das gesamte Regenwasser des schleswigschen Festlandes nach Westen strömte, im Westteil der Ebene aber keinen Abfluss fand, gab es wohl nur eine einzige Entwässerung: Einen Fluss, der sich von nördlich der Halligen fast ohne Gefälle bis zur Eider durchschlug. Er und seine Nebenbäche mäandrierten stark, setzten in jeder Kurve von der Geest mitgebrachten Sand und Geröll ab, und veränderten fast jährlich ihren Lauf. So entstanden zahlreiche Uferwälle, die um ein bis eineinhalb m über die Ebene hinausragten. Die übrigen Gebiete vermoorten, es entstanden weite feuchte Niederungsgebiete, die durch Torfbildung langsam aufwuchsen. Dabei entstanden Torfflötze von einer Mächtigkeit von bis zu 2 m, meist aber nur von wenigen Dezimetern.

Die aufgefüllten Urstromtäler, die dazwischen liegenden Höhenrücken, die Betten der Flüsse und Bäche, die Uferwälle und die Moore, sie alle strukturierten diese Landschaft extrem kleinräumig. Wir sind bei Bohrungen immer wieder verblüfft, wie schnell sich der Untergrund in seiner Schichtung schon nach wenigen hundert m ändert. Bis heute muss jeder Bauherr mit Schwierigkeiten rechnen. So wurde beim Bau der Mutter-Kind-Kurklinik festgestellt, dass das Baugelände über einem verlandeten Priel liegt. Es mussten Pfähle in den Grund gerammt werden, die den Bau verteuerten. Diese Probleme hatte man beim Bau des direkt daneben liegenden Schwimmbades nicht gehabt. Aber keiner konnte diese Strukturunterschiede des Untergrundes vorhersagen.

Nun wechseln wir den Schauplatz: Europa im frühen Mittelalter. Das Römische Reich ist zerschlagen, Zentraleuropa weitgehend von Germanen besiedelt. Nach der Völkerwanderungszeit etablieren sich nach und nach größere Reiche. In der Mitte die Franken, die unter den Merowingern und Karolingern ihre Macht immer weiter ausdehnen. Das müssen wir uns recht blutig vorstellen. Machterweiterung und Christianisierung gingen dabei Hand in Hand, sie waren Ergebnisse alljährlicher Plünderungszüge. Europa war beileibe kein erbauliches Reiseland. Die antiken Verkehrswege waren verfallen, weite Bereiche hochgradig rechtsunsicher. Aber es gab Handel, auch weitreichenden Fernhandel. Beliebtes Gut waren Sklaven, die bei den Feldzügen reichlich anfielen. Aber auch Luxusgüter wurden angehäuft, da es komplizierte Formen der Rechtsbindung gab: Ein Herrscher hatte Vasallen, die ihm zu Treue und Gefolgschaft verpflichtet waren. Er wiederum war ihnen gegenüber zu einer Freigebigkeit verpflichtet, die ihn sofort in den Ruin geführt hätte, hätte er nicht ununterbrochen seine Nachbarn ausgeplündert. Uns erscheint diese Struktur der Personenverbände aus heutiger Sicht wie eine pubertäre Banden- und Cliquenwirtschaft Dreizehnjähriger. Damit liegen wir gar nicht so falsch, denn über die Hälfte der Einwohner Europas waren Kinder und Jugendliche.

Vom Ural bis zum Atlantik gab es wahrscheinlich unter 30 Millionen Menschen in diesem Europa, aber selbst für diese bot der Kontinent nicht genügend Nahrung. Weite Gebiete waren von Wald bedeckt. Siedlungsflächen bildeten verlorene Inseln in diesen Wäldern. Straßen waren selten, Pferde und Mulis die einzigen Landtransportmöglichkeiten. Tagesmärsche von dreißig km oder weniger waren die Regel, falls man nicht ausgeraubt und so am Weiterreisen gehindert wurde. 50 % der Kinder starben vor dem Erreichen des 10. Lebensjahres, Ernteerträge lagen bei 2 zu eins, richtiges Pflügen oder gar Düngen des Bodens waren weitgehend ungebräuchlich. Viele Menschen ernährten sich im Frühjahr und Frühsommer von einer äußerst primitiven Sammelwirtschaft. Hungersnöte waren an der Tagesordnung, gleichzeitig gab es einen Fernhandel mit gehobenen Lebensmitteln für die hauchdünne Oberschicht. Es war wirklich keine Zeit, in der unsereiner hätte leben wollen.

In dieser Zeit lebte im Bereich der damaligen Rheinmündung ein Volk, das offensichtlich recht hoch organisiert war. Die Friesen. Sie hatten sich dort wohl schon in der Antike angesiedelt, eine differenzierte Wasserbautechnik entwickelt und holten aus den hervorragenden Schwemmböden der Marschlande heraus, was herauszuholen war. Wasserbau ist keine Einzelaufgabe, er verlangt Kontinuität und die gemeinsame Organisation von Personenverbänden unter einem Recht. Sonst ist er nicht durchzuführen. Die Friesen erzeugten unter diesen Bedingungen auf ihren landwirtschaftlichen Flächen anscheinend so reichliche Überschüsse, dass sie in einem ständig vom Hunger bedrohten Europa begannen, Handelskampagnen durchzuführen. Zuerst fuhren sie im Sommer mit einzelnen Hofbesatzungen zwischen Aussaat und Ernte mit ihren Überschüssen los, um diese in der weiteren Nachbarschaft loszuwerden. Transportmittel waren kleine aber seetüchtige Schiffe. Die Besatzungen bestanden aus wenigen Männern. Das erwies sich jedoch schnell als uneffektiv. Je entfernter die Märkte, um so größer die Gewinne. Und man konnte nicht gleichzeitig den Hof bewirtschaften und auf Fahrt gehen. Also entwickelte sich eine Arbeitsteilung, es entstanden Bruderschaften von Händlern und Kaufleuten, die ganz Europa bereisten. Die Zeit der Karolinger benannte den Fernhandelskaufmann mit einem Namen: Der Friese. Hier wurde eine Stammesbezeichnung zur Berufsbezeichnung.

Sie alle kennen die Kampfboote der Wikinger aus dieser Zeit: Lang, sehr schlank und wendig. Die Zuladung war gering, der Vortrieb erfolgte über Rahsegel oder Ruder. Das führte dazu, dass die Bordwände niedrig waren, damit man nicht zu lange Ruder benötigte. Die Boote hatten einen Kiel, konnten damit wie auf einer Kufe auf flache Ufer und Strände auflaufen. Aber die Zuladung war gering, der Personalbestand sehr hoch. Es waren eben Kampfmaschinen und keine Lastesel.

Die Friesen hatten für ihre Handelsreisen einen völlig anderen Bootstyp entwickelt: Breit, hochbordig und mit flachen Böden. Einziger Vortrieb war das Segel, nur in Ufernähe oder im Hafen wurde gerudert oder gestakt. Das Tempo war gering, durchschnittlich zwei bis drei Knoten Reisegeschwindigkeit. Damit lag sie aber noch höher als das Tempo eines Fußgängers in schwierigem Gelände. Die Zuladung war recht gut, ein 20 m langes Schiff nahm 20 bis 40 t Last mit. Der flache Boden erlaubte das Trockenfallen, ohne dass das Schiff umkippte. Allerdings benötigte man für den geregelten Warenumschlag Hafenanlagen mit senkrechten Kaimauern, an denen die Boote festmachen konnten. Da offizieller Handel aber sowieso an festgelegte Stapelplätze gebunden war, konnten diese auch mit Hafenanlagen ausgerüstet werden. Die Handelskampagnen dauerten oft mehrere Jahre mit Überwinterungen in eben solchen Häfen.

Bug und Heck dieser kleinen Schiffe waren hochgezogen und enthielten je eine Plattform. Diese Plattformen dienten als Kastelle, erhöhte Verteidigungsplätze. Gleichzeitig boten die überdachten Räume unter ihnen der Besatzung und dem wertvollen Teil der Ladung Wetterschutz. Aus diesen Plattformen entwickelten sich mit der Zeit die Vorder- und Achterkastelle der frühen Koggen, denn man hatte erkannt, dass die Verteidigung gegen schnelle Räuber am besten von oben erfolgte. Die Besatzung dieser Schiffe war klein, vier bis fünf Leute reichten, um das Boot über lange Strecken in Bewegung zu halten und zu manövrieren.

Die Friesen dominierten den Englandhandel, stießen in die Biscaia vor und erreichten die gesamte Nordseeküste bis Norwegen. In vielen Binnenstädten an den großen Flüssen Europas weisen Friesenstraßen darauf hin, dass auch dort die Händler mit ihren Schiffen aufliefen. Über die Eider, die Treene und die Schlei gab es eine Fernhandelsstraße in die Ostsee, die nur von einem kurzen steigungsarmen Landweg von 14 km unterbrochen war. Wir wissen, dass vereinzelt ganze Schiffe über diesen Landweg gezogen worden sind, der die Umgehung des auch im Sommer oft stürmischen und tückischen Skageraks erlaubte. Aber schnell entstanden im 8. Jh. Umschlaghäfen in Hollingstedt an der Treene und in Haithabu an der Südseite der Schlei. Inzwischen waren aus den kleinen Händlergruppen wohl organisierte Kopagnien entstanden, die oft mehrere Schiffe in den verschiedenen Gebieten unterhielten. Man fuhr von Dorestad in der damaligen Rheinmündung nach Hollingstedt, ging mit den Waren über Land nach Haithabu und bestieg dort ein weiteres Schiff, das dort bereit lag. Einzelne Mitglieder der Kompagnien nahmen ihren Winterwohnsitz in den bevorzugten Häfen. Über die Ostsee ging es nach Gotland, einer bedeutenden Handelsinsel, oder nach Nowgorod im Raume Petersburg. Hier bestand Anschluss an den Fernhandel des heutigen Russlandes, Weißrusslands und der Ukraine, der bis in den Orient reichte. Waren von Byzanz in das karolingische Aachen gingen diesen Weg, da er sicherer war, als der direkte Handel über das piratenverseuchte Mittelmeer.

Der Anstieg der Nordsee und die karolingische Expansion verdrängte viele Friesen aus ihren Stammgebieten im Bereich des heutigen Westfrieslandes. Mit Sack und Pack flohen sie auf ihren kleinen Schiffen die Fernhandelsstraßen entlang. Hier im südlichen Wattenmeer eröffnete sich eine menschenleere Landschaft an den Ufern eines Nebenflusses der Eider, der Hever. Das Land war unwirtlich und feucht, aber die Friesen kannten sich aus im Wasserbau. Sie nutzten die zahlreichen Uferwälle zur Anlage ihrer Einzelgehöfte und Reihensiedlungen. Hochgelegene Ackerflächen und tiefer gelegene Viehweiden erlaubten eine sehr erfolgreiche Landwirtschaft. Trinkwasser boten die zahlreichen Flüsse, es gab Torf zum Heizen und Feuern, der Speiseplan konnte mit Fischen ergänzt werden. Aus der Siedlung Elisenhof auf Eiderstedt, an der Mündung der Hever, wissen wir, dass die Höfe aus langgestreckten Häusern mit Wohn- und Stallteil bestanden und neben einer Familie mit mehreren Personen auch bis zu 30 Stück Großvieh Raum boten. Die Felder wurden nicht nur aufgebrochen, sie wurden schon um die Jahrtausendwende beim Pflügen umgewendet. Es gab Pferde, Rinder Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner und Gänse. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Bohnen und Kohl wuchsen auf den Äckern und in den Hausgärten. Der Torf wurde ausgegraben und beseitigt, wo er beim Pflügen störte. Man kannte die positive Wirkung der Düngung mit Stallmist. Und das erste Butterfass Europas, das gefunden wurde, stammt von Elisenhof. Die Menschen waren auf dem Stand ihrer Zeit und erwirtschafteten auch hier einen Überschuss, der es ihnen erlaubte, Waren aus ganz Europa einzutauschen.

Auf Pellworm werden allein zwölf solcher Flachsiedlungen aus dem 8. und 9. Jahrhundert vermutet. Spuren einer weiteren fanden sich westlich von Hooge. Bisher wurden diese Siedlungen leider erst sehr oberflächlich erforscht, lassen also nur wenig Rückschlüsse zu. Wichtig ist jedoch, dass die Besiedlung der Region von Westen nach Osten verläuft: Die Gebiete am Fuß der Geest waren zu Hochmooren aufgewachsen, die außen liegenden „Uthlande“ offensichtlich siedlungsfreundlicher.

Irgendwann zwischen 1000 und 1100 scheint eine große Katastrophe geschehen zu sein. Die Quellenlage ist dünn, so dünn, dass man bis vor dreißig Jahren annahm, dass die ersten Menschen überhaupt erst in dieser Zeit eingewandert seien. In dieser Zeit muss die See den durchgehenden Dünnwall im Westen durchbrochen haben. Im Bereich eines der zugeschlickten Urstromtäler, wahrscheinlich südlich oder nördlich des heutigen Süderoogsandes, drang das Meer ein. Die Geburtsstunde der Norderhever als Meeresarm hatte geschlagen. Die Auswirkungen waren immens. Plötzlich lagen die bis dahin binnenländischen Gebiete im Raum Pellworms im Einflußbereich der Gezeiten. Grund- und Oberflächenwasser wurden brackig, das Trinkwasser knapp. Niedrig gelegene Weideflächen, ja die höher gelegenen Äcker waren von Salzwasser bedroht und die Vegetation änderte sich. Das einströmende Meer riss sich überall da tiefe Schneisen, wo der Boden weich und feinkörnig war. Die Siedlungsbedingungen änderten sich innerhalb weniger Jahre. Alles sprach dafür, dass der Mensch das Gebiet wieder aufgeben musste.

Aber etwas ganz Anderes passierte: Sprachforschungen haben ergeben, dass gerade in dieser Zeit eine weitere Einwanderungswelle von Friesen einsetzte. Der dänische Chronist Saxo Grammaticus berichtet 1170, dass „Klein-Friesland“ weitgehend eingedeicht sei. Gleichzeitig entstehen zahlreiche Warften, die Hügel, auf denen die Bauerngehöfte der Uthlande stehen. Auch die Christianisierung hatte ab Mitte des elften Jahrhunderts flächendeckend eingesetzt. Wie passt das alles zusammen?

Wir sind auf Spekulationen angewiesen, diese aber erscheinen recht plausibel. Offensichtlich lebten in der Landschaft südlich der Geestinseln Föhr und Amrum zahlreiche Menschen, die recht gut in Personenverbänden organisiert waren. Altbewohner und Neusiedler kannten sich gut aus im Wasserbau und die Familien oder Clans begannen, ihre Ackerflächen innerhalb weniger Jahre in Gemeinschaftsarbeit durch niedrige Sommerdeiche zu sichern. Die Höfe wurden auf Warften verlegt, die gleichzeitig Regenwasserzisternen für Menschen und Vieh enthielten. Die ersten Niederschriften des damals geltenden Rechts datieren erst von 1426, waren aber über Jahrhunderte mündlich überliefert worden. Sie wurden erst aufgeschrieben, als sie durch den wachsenden Einfluss der Dänischen Könige bedroht waren. Interessanterweise, bestehen sie zu 2/3 aus Definitionen von Verwandschaftsgraden. Damit wird ein äußerst präzises Erbrecht definiert. Das erscheint sinnvoll in einer Gesellschaft, die auf Mitarbeit aller Mitglieder in der Landessicherung angewiesen war. Landbesitz war Deichpflicht, wie sie in den gleichzeitig notifizierten Deichrechten festgelegt wurde. Da war oft keine Zeit, im Sterbefalle langwierige Erbfolgestreitereien abzuwarten. Durch die genauen Regelungen der Verwandschaftsgrade waren Erbgänge und damit Verantwortlichkeiten für die Deichpflicht innerhalb kürzester Zeit geklärt.

Bis ins späte Mittelalter war die Blutrache und Sippenhaftung in der Region üblich. Aber selbst direkte Sanktionen gegen Leib und Leben von Übeltätern wurden ausgesetzt, wenn der Deichfrieden oder die Deichsicherheit es verlangten. Selbst der Kirchenfrevel war dann nachrangig. Erst der Deich, dann das Land und dann Gott und die Menschen, das waren die Prioritäten dieser Zeit und sie wurden anscheinend rigoros aufrecht erhalten und durchgesetzt. Nur so hatten die Menschen gegen das ständig näher rückende und steigende Meer eine Chance.

Auf Pellworm entstanden die ersten Warften im ausgehenden 11. oder im 12. Jahrhundert. Insgesamt haben sich knapp 150 Warften erhalten, davon sind etwa 2/3 bis heute bewohnt. Gleichzeitig wurden die wichtigsten Anbauflächen eingedeicht und zwar, im Gegensatz zu Hooge, großflächig. Auf Hooge umfassen die Deiche Gebiete von ein bis zwei Hektar, also Gärten oder kleine Felder von einzelnen Höfen. Auf Pellworm waren die Köge von Anfang an mehrere 100 Hektar groß, konnten also nur von gut organisierten Gemeinschaften erbaut und unterhalten werden. Am Schardeich hat man einen Schnitt erstellt und solch einen mittelalterlichen Deich gefunden und vermessen: Er lag wohl mit seiner Sohle etwa 70 cm über dem normalen Tidehochwasser und war etwa 1,30 m hoch. Damit bot er Sicherheit für Wasserstände bis 2 m. Vermutlich hatte er ein so weitflächiges Vorland, dass die bei Stürmen anbrausenden Wellen sich weitgehend tot liefen. Die Sohlenbreite betrug fast 8 m, damit entstand ein flach geböschtes Profil, dass etwa unserer modernen Vorstellung von Deichsicherheit entspricht. Diese Deiche boten während der Wachstumsperiode im späten Frühjahr, im Sommer und bis zur Ernte Schutz. Im Winter wurden sie öfters überflutet, blieben aber heil, da sie dem darüber gehenden Wasser wenig Widerstand boten. Die konzentrierten Regenfälle des zeitigen Frühjahrs und eine gute Entwässerung der eingedeichten Flächen sorgten dafür, dass der Salzgehalt des Bodens in erträglichem Rahmen blieb.

Mit der Maßnahme der großflächigen Bedeichung hatte man sich aber selber den möglichen Untergang vorprogrammiert: Der Meeresspiegel steigt seit etwa 1000 Jahren wieder an. Unbedeichtes Land wird an den Kanten abgebrochen, wächst aber bei jeder Überflutung auf. Die Gräser der Oberfläche halten Schlick und Sand zurück. Hooge etwa zeigt an seinen Abbruchkanten hunderte von 1-2 cm dicken Schichten, in denen die ursprünglichen Deiche schlicht versunken sind. Das Binnenland Pellworms jedoch blieb auf der Höhe der Jahrtausendwende. Schlimmer noch: Es wurde abgesenkt! Ein Koog ist eine große flache Schüssel. Um das Regenwasser zu entfernen, sind umfangreiche Entwässerungsgräben nötig. Der schwere Marschboden, die Kleie, bindet jedoch fast genau so viel Wasser, wie er selber an Substanz hat. Kontinuierliche Entwässerung führt also zu Sackungen. Gleichzeitig grub man den oberflächennahen Torf aus. Erst, weil er beim Pflügen störte, das hatte man schon seit Beginn der Besiedlung gemacht. Dann nutzte man ihn als Brennmaterial, weil Holz extrem knapp war. Irgendwann stellte man fest, dass der Torf Salz enthielt. Deshalb baute man im Sommer großflächig im Vorland und im Hohen Watt Salztorf ab, und holte sich so das bewegte Wasser immer näher an die Deiche.

Der Salztorfabbau bildete im Raum des südlichen Wattenmeeres bis an die Südkante Föhrs einen wichtigen Wirtschaftszweig. Dazu ging man im Frühjahr ins Watt, deichte ein Gebiet von mehreren Hektar provisorisch ein und legte den Torfflötz frei. Diesen trug man ab und verbrannte ihn in einer Salzsiederhütte. Die entstandene Asche kochte man mit frischem Salzwasser auf, wobei man den nächsten Torf als Feuerung nutzte. In den großen Kesseln entstand so eine dicke dunkle Salzkruste, die neben dem erwünschten Kochsalz (NaCl) auch andere, zum Teil bittere Salze und Asche enthielt. Dieses dunkle Salz, das weniger zum Würzen als zum Pökeln und Konservieren taugte, wurde in ganz Nordeuropa verhandelt und bildete bis ins 17. Jh. einen Hauptexportschlager der Uthlande.

Zu Ende des 12. Jh. stellte sich die Region als weitläufige, von zahlreichen Prielen durchzogene, flächig besiedelte Landschaft dar. An vielen Stellen gab es neben den Einzelgehöften und Reihensiedlungen Siedlungsverdichtungen mit Kirche, Friedhof, Pfarrhaus und den wichtigsten Gewerbe- und Handelsansiedlungen. Oft lagen diese Verdichtungen in der Nähe der Siele. Siele sind Deichschleusen, die der periodischen Entwässerung bei Niedrigwasser dienen und das Eindringen der Fluten verhindern. Gleichzeitig erlauben sie oft den Einlass von Schiffen oder sie liegen so, dass vor ihnen geschützte Trichtermündungen liegen. Hier konnten Überschüsse exportiert, fremde Bedarfsgüter importiert werden. Da die Uthlande regelmäßig Nahrungsüberschüsse erzeugten, konnten sie am Fernhandel teilnehmen.

Die Verwaltungsorganisation beruhte auf dem System der Harden. Eine Reihe von Kögen, oft mehrere Kirchspiele, bildeten eine Harde, die sich weitgehend selbst verwaltete. In diesem Zusammenhang taucht der Name „Pellworm“ zum ersten Mal als Pylwerrem Harde auf, er umfasste aber ein bedeutend größeres Gebiet als die heutige Insel. In den einzelnen Harden gab es Ratsversammlungen, die in Zivil- und Strafrecht über die Einwohner ihres Gebietes urteilten. Auch die Sicherung der Deichgerechtsamkeit wurde von den Deichversammlungen der Harden durchgeführt. Es gab natürlich starke soziale Gefälle innerhalb der Bevölkerung. Damit verbunden war auch die Berechtigung, Ratsmann, Deichrichter oder –geschworener zu werden. Aber diese Gefälle beruhten nicht unbedingt auf Familienzugehörigkeit oder Klasse sondern auf wirtschaftlicher Potenz. So stiegen tüchtige Familien mit dem Ausbau ihres Grundbesitzes auf zu höchsten Ämtern, andere verarmten und verschwanden aus den Listen der Funktionsträger. Das System war nicht in unserem Sinne demokratisch, aber es war bedeutend weniger feudalistisch als die Gefolgschaftssysteme vieler anderer Regionen Europas.

Zur Missionierung und Christianisierung gab es im 11. Jh. ein Missionsbistum Farria. Wir wissen nicht genau, wie „Farria“ zu lokalisieren ist. Die ältere Forschung vermutet Helgoland hinter diesem Namen, das ursprünglich Forsetisland hieß und bedeutende vorchristliche Heiligtümer trug. Pastor Adam jedoch zieht nach ausgiebigen Forschungen die Verbindungen zu Föhr als Farria. Damit gäbe es ein Missionszentrum unmittelbar im Kernbereich der Uthlande. Der Name der Hauptkirche St. Johannis in Nieblum auf Föhr legt die Funktion dieser Kirche als Mutterkirche nahe, da sie eine Täuferkirche ist. Aber diese Bistum mit seinen extrem schwierigen Wegen könnte mehrere Hauptkirchen gehabt haben. Neben dem Täufer Johannes war auch der Erlöser Christus selber oft Hauptpatron von Missionszentren. St. Salvator jedoch ist der Name der Alten Kirche auf Pellworm. So wäre die Vorrangigkeit dieser Kirche für die gesamte Südregion bis ins 19.Jh. zu erklären, so wäre auch die Größe und besondere Massivität dieses Baues zu begründen.

Heimreich berichtet in seiner „Nordfresischen Chronik“ Mitte des 17. Jh. von dem Gründungsdatum des Turmes der Alten Kirche am „Urbanitag“ des Jahres 1095. Eine Frau Pelle und ihre Tochter Worm hätten das Geld für den Turmbau gegeben und damit den Namen für das Kirchspiel gestiftet. Abgesehen davon, dass diese Namen für diese Gegend absolut untypisch sind, erscheint die Sage unglaubwürdig, weil bestenfalls das Kirchenpatronat und nicht der umgebende Verwaltungsbezirk so festgelegt werden konnten. J. Schmidt-Petersen erklärt den Namen, der in alten Unterlagen teils als Pell Werem wiedergegeben wird, mit dem friesischen Ausdruck „An bewegten Wassern gelegen“. Das klingt plausibler und greift zurück in die Besiedlungszeit, in der erst die mit Schiffen erreichbaren Gebiete urbar gemacht wurden.

Wichtig erscheint jedoch das präzise Gründungsdatum. Heimreich gibt seine Quellen normalerweise nicht an. Auch hier nicht. Aber bei einer grundlegenden Restaurierung von Chor und Apsis der Alten Kirche im Jahre 1913 hat man angeblich unter dem Fußboden ein sternförmiges Rost aus Eichenbalken gefunden, das das Fundament eines hölzernen Vorgängerbaues gewesen sein könnte. Der romanische Ostteil der Kirche wird anhand der Stilelemente auf etwa 1180, damit könnte ein älterer Holzbau in die Zeit von 1095 fallen. Der Turm mit seinen noch erkennbaren Elementen nordischer Backsteingotik auf etwa 1280 geschätzt. Angeblich sei er 100 Ellen, also knapp 60 m hoch gewesen. Das erscheint unglaubhaft, da er dann mehr als das Doppelte der heutigen Höhe gehabt haben muss. Als die Turmruine in den 70er Jahren des letzten Jh. eingerüstet und gesichert wurde, hat das Landeskirchenamt die Mauerkrone untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass die vorhandene Mauerkrone zwar stark verwittert, in ihrer Höhe aber nicht wesentlich reduziert zu sein scheint. Der Landeskonservator Haupt hat im 19.Jh. eine Rekonstruktion erstellt, die den Turm mit einer immensen Dachpyramide zeigt. Die älteste uns bekannte Zeichnung finden wir auf der Witemarkschen Karte von 1640. Obwohl der Turm fast 30 Jahre vorher eingestürzt war, zeigt diese Karte ihn vollständig: Mit einem Zeltdach und abgetreppten Giebeln. Damit ähnelt der Turm denen von Föhr und erlaubt eine genaue Richtungserkennung über See. Diese Türme dienten nämlich auch als Landmarken für die Schifffahrt und mussten deshalb deutlich in Gestalt und Ausrichtung identifizierbar sein.

Über den Einsturz des Turmes gibt Heimreich einen anschaulichen Bericht: „Es ist aber der Turm Anno 1611 den 5. April Morgens zwischen 6 und 7 bei ganz stillem Wetter an der Ostseite ganz eingerauset und hat ein gut Teil der Kirche mit zerschlagen.“ Das Dach des Turmes war merkwürdiger Weise stehen geblieben und musste am nächsten Tag mit eiligst gebauten Seilwinden herab geholt werden, um nicht bei einem eventuellen Absturz weiteren Schaden anzurichten. Das Kirchenschiff wurde leicht verkürzt wieder aufgebaut, die Westwand mit den Steinen des Turmes verschlossen. Der Turm wurde nie wieder rekonstruiert, er diente lange Zeit als Lieferant für die Fundamentsteine zahlreicher Pellwormer Gebäude. Gleichzeitig beriefen sich die Pellwormer auf die Kosten für den Erhalt der Ruine als Seezeichen, wenn ihnen „Tonnengeld“, also Steuern zur Kennzeichnung der Wasserwege im Watt, abverlangt wurde. Sie hätten die markante Ruine, täten also genug für die Seefahrt.

Doch bleiben wir zunächst weiter im Mittelalter, der Zeit zwischen den Eindeichungen des 12. Jahrhunderts und der Reformation. Die Quellen sind spärlich, aber die Forschung der letzten 25 Jahre hat einiges Licht in dieses Dunkel gebracht: Die Pellworm Harde, politisch ziemlich eigenständig und als eigene Körperschaft vertrags- und rechtsfähig, lag inmitten anderer Gebiete und war mit Schiffen erreichbar. Südlich von ihr, da wo heute Südfall liegt, war die Edomsharde. Der Grund war mooriger als der Pellworms, hier setzte die Besiedlung wohl erst im 12. Jahrhundert ein. Auch dort wurde gedeicht, Torf abgegraben und entwässert. Aus einigen wenigen Urkunden wissen wir, dass der Hauptort Rungholt hieß, eine Hauptkirche sowie eine eigene Gerichtsbarkeit besaß. Die Forschungen von Andreas Busch, einem Nordstrander Bauern haben ergeben, dass wir uns unter Rungholt eine dörfliche Struktur mit Höfen und Reihensiedlungen vorstellen müssen. Die Menschen waren wohlhabend, aber nicht, wie es die Sage behauptet, unermesslich reich. Zwei- bis dreitausend Einwohner hatte die Edomsharde.

Der Standort litt jedoch an einem für die Bewohner nicht erkennbaren Standortnachteil: Er lag über einem der zugeschlickten Urstromtäler. Damit war der Untergrund äußerst instabil. Außerdem lag er in der Hauptstoßrichtung der sich neu bildenden Norderhever. Die Edomsharde verdankte zwar ihren Reichtum dem günstig gelegenen Hafen, der damit verbundene Hauptpriel weitete sich jedoch immer weiter aus und gefährdete die Deiche. In der Groten Mandränke von 1362 wurden diese zerschlagen und weite Teile der Harde gingen verloren. Allerdings versank keine reiche Kaufmannsstadt in einer Nacht in den Fluten. Neben den Verlusten der Deiche und zahlreicher Menschenleben wurde die Infrastruktur zerstört: Die Wege, Entwässerungsgräben, die Kirche, der Hafen und die meisten Äcker wurden Raub der Wellen. Noch bis 1480 lassen sich halligähnlich wirtschaftende Strukturen im ganzen Bereich südlich Pellworms nachweisen und ein Rest ist ja bis heute in der Hallig Südfall erhalten. Allerdings ist diese bei jeder Überflutung aufgeschlickt und liegt heute mehrere m über dem ursprünglichen Siedlungsniveau.

Selbst das Gebiet des heutigen Pellworm blieb von Meereseinbrüchen nicht verschont, obwohl es auf der Pellworm Plate, einem sandigen Höhenrücken der Eiszeit liegt: So entstand das Waldhusen-Tief als spätmittelalterlicher Meereseinbruch. Im 15. Jahrhundert war Pellworm sogar für fast 80 Jahre vom übrigen Strand, der zentralen Insel der südlichen Uthlande getrennt und konnte erst Mitte des 16. Jh. wieder angedeicht werden. Der Durchbruch lag im Gebiet der heutigen Norderköge und musste Stück für Stück wieder gewonnen werden. Damit blieben Deichbau und Deichpflege wesentliche Aufgaben für die Gemeinschaft und hatten große Auswirkungen auf den Reichtum der Region.

Trotzdem gab es in Phasen der relativen Sicherheit immer wieder große wirtschaftliche Blüten in der gesamten Region. Deshalb bestand von Seiten der Dänischen Könige, die die Uthlande als ihr Einflussgebiet sahen, ein Interesse an Machtausübung und –sicherung. Aber die Beziehung war ambivalent: Friesen unterwarfen sich bei der Einwanderung, entwickelten aber aufgrund der Verkehrsferne ein eigenes Rechtsgefüge vom Strafrecht über Zivilrecht bis zum Deichrecht. Als König Erich IV. 1241 das Jydske Lov erließ, galt dieses nicht für die Uthlande. Dort etablierte sich ein auf Ratsmannstrukturen basierendes Rechtsgeflecht, das mündlich überliefert wurde und erst 1426 aufgeschrieben wurde, als man fürchtete, es könne von der Zentralgewalt geändert oder außer Kraft gesetzt werden.

Die Auseinandersetzungen um den Dänischen Thron und die Kämpfe um die Einflussgebiete verschiedener Fraktionen der herrschenden Familien waren oft blutig und grausam: Brudermord oder Aufstände waren häufig. Immer wieder ergriffen die Uthlandsfriesen Partei, kämpften mal für den König gegen die Dithmarscher, mal gegen den König mit den Eiderstedtern. Neben der Verkehrsferne und dem unwegsamen Gelände führte auch die Verantwortung dem Deich gegenüber dazu, dass die Einheimischen möglichst vor Ort und Fremde außen vor blieben. Man ließ sich Parteilichkeit mit Privilegien bezahlen, sorgte aber auch dafür, dass die Zentralgewalt nicht zu übermächtig wurde. So gehörte die Befreiung vom Militärdienst faktisch bis 1867 zu diesen Privilegien, die erst die Preußen abschafften. Ähnlich war es mit weiten Teilen des Zivilrechtes, das erst mit der Einführung des BGB um 1900 seine mittelalterlichen Sonderausprägungen verlor.

Meine Damen und Herren, wie Sie bemerken, ist die Situation im Mittelalter höchst kompliziert, ja manchmal undurchsichtig. Das hängt mit einer ganzen Reihe von Faktoren zusammen: Die Landschaft änderte sich von Jahr zu Jahr, der Mansch lag im ständigen Kampf mit dem Meer. Oft wissen wir wenig oder nichts von der geografischen Situation einer bestimmten Zeit. Wir spekulieren sogar, ob ein bestimmter Ort zu einer bestimmten Zeit schon oder noch existierte, und wenn ja, in welcher Ausdehnung, wirtschaftlichen Potenz und Bevölkerungszahl. Dann fehlen uns kontinuierliche Meldungen über die Organisation dieser Strukturen. Jeder scheint hier mit jedem paktiert oder konkurriert zu haben. Auch internationale Verträge wurden von einzelnen Harden geschlossen, bis hin zu Bündnissen, die sich direkt oder indirekt gegen die unmittelbaren Nachbarn richteten. Wir können nur sehr begrenzt abschätzen, welche Gemeinschaften oberhalb der Koogsebene wirklich zusammenhielten bei der Deichverteidigung. Letztendlich wissen wir nicht einmal genau, wie viele Menschen mit welchem Erfolg hier in den Uthlanden auf welchen Flächen wirtschafteten. All‘ das macht eine umfassende Ermittlung der tatsächlichen Zustände schwierig, wir bleiben auf Streiflichter und deren Interpretation angewiesen.

Viele von Ihnen haben an Wattwanderungen zu den Kulturspuren teilgenommen. Man ist verblüfft, wie viele Spuren im Laufe der Zeit auftauchen und wieder vergehen. Aber die Funde sind abhängig von dem Zufall unterworfenen Freispülungen. Sie werden erst seit begrenzter Zeit registriert. Das Absammeln der Funde erfolgt bis heute oft zufällig. Dabei werden keine Standorte bestimmt, die einfacheren und weniger kunstvollen Artefakte werden übersehen oder nicht mitgenommen. Vieles kann nicht registriert werden, weil die Finder sich nicht melden. Und bei allem fehlen nicht nur die Gelder für die Forschung, es fehlt oft auch das Grundwissen, um einen Fund überhaupt in seiner Bedeutung einzuordnen. Nur wenige Leute sind wie Helmut Bahnsen in der Lage, nicht nur Altersbestimmungen vorzunehmen, sondern dann auch zu entscheiden, ob es sich um Funde handelt, die neue Aspekte der Forschung eröffnen. So manches Stück liegt auf einem binnenländischen Kaminsims, das hier neue Tore und Türen hätte eröffnen können.

Bezogen auf den Raum Pellworm läßt sich folgendes Resümee für das Ende des Mittelalters ziehen: Die Pellworm-Harde war größer als die heutige Insel, sie umfasste auch später untergegangene Gebiete im Norden und Nordosten. Sie war zeitweilig abgeschnitten von der Alten Insel Strand, die von Pellworm über Nordstrandisch-Moor nach dem heutigen Nordstrand reichte. Die Harde bildete einen eigenen Verwaltungsbezirk mit eigen Ratsleuten, die Recht sprachen sowie einer eigen Organisation für die Deichsicherheit. Es lebten mehrere 1000 Leute im Bereich der Pellworm-Harde, die sich überwiegend von der Landwirtschaft ernährten. Die Landschaft war in den Zeiten der Deichruhe ziemlich reich, wobei es natürlich große soziale Gefälle gab. Leibeigenschaft hat es aber nicht gegeben. Statt der im Osten üblichen Gutswirtschaft existierten hier freie Bauern. Das Recht auf politisches Mandat im Rahmen der Selbstverwaltung war abhängig vom Grundbesitz. Das Bildungsniveau der Oberschicht war hoch, zur Zeit der Reformation lassen sich eine Reihe von Pellwormer Bauernsöhnen auf den europäischen Universitäten nachweisen. Auch der Handel mit den Überschüssen der Insel blühte. Eine gesicherte und rosige Zukunft tat sich vor den Pellwormern und den meisten ihrer Nachbarn auf.

Koog um Koog gewonnen:

Pellworm

In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634 ging die alte Insel Strand bei einer verheerenden Sturmflut unter. Schon die Jahre vor dieser Flut hatten die Bevölkerung der Insel schwer belastet. 1603/04 hatte die Pest gewütet, die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges hatten zu hohen Abgabenbelastungen geführt, und häufige Deichbrüche seit Beginn des 17.Jahrhunderts machten aufwendige Reparaturen erforderlich.
Ursprünglich gehörten die Marschgebiete der Uthlande zu den reichsten und fruchtbarsten Schleswig-Holsteins. Die Landwirtschaft bot in ruhigen Zeiten so reichen Ertrag, dass die hier lebenden Menschen nicht nur eine rege Kultur und Bildung pflegten, sondern auch ein hohes Maß an Selbstverwaltung verwirklichen konnten. Zwar hatten die Gottorfer Herzöge als zuständige Landesherren Oberbeamte eingesetzt (Staller und Landschreiber), aber die Ratsleute und die sogenannten Gevollmächtigten, die Deichgrafen und Deichrichter sowie die Hauptleute, die nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch im Deichbau Funktionen erfüllten, stammten aus den reicheren und ,,ratsfähigen” Familien des Strandes. Dahinter stand große wirtschaftliche Macht, und so konnten die Privilegien bei jedem Thronwechsel verteidigt werden.
Die Flut von 1634 riss 44 Löcher in die Deiche. Die Pelliworm-Harde, einer der drei Verwaltungsbezirke der Insel, war ähnlich hart betroffen wie die anderen Harden. Sie hatte neben dem Kirchspiel der Alten Kirche St. Salvator und dem der Neuen Kirche St. Crucis noch die Orte Balum, Buphever, Langeland und Teile von Illgroff sowie die Halligen Hooge und Südfall umfasst und maß knapp 5000 der über 20 000 Hektar der Gesamtinsel. Außer Teilbereichen des Alten und des Neuen Kirchspiels, die fortan die Insel Pellworm bildeten, gingen alle Flächen der Harde endgü1tig verloren. In den beiden erhaltenen Kirchspielen waren 191 von 254 Häusern zerstört, 1012 Menschen ertrunken und neben fast allem Vieh auch die Erntevorräte verloren. Trotzdem gelang es den Einwohnern, verstärkt durch den kapitalkräftigen Niederländer Cornelius Jansen Allers, fast 1800 Hektar in den folgenden zwei Jahren wiederzugewinnen. Bis 1687 wuchs die wiedergewonnene Fläche auf fast 2800 Hektar an.
Von 1660 bis 1717 erlebte die Insel eine neue B1ütezeit. Während die Bevölkerung infolge von Krankheiten stetig abnahm, führte ein reger Zuzug in das reiche Gebiet zur Erhaltung der Wirtschaftskraft. Der Haupterwerbszweig war eine mittelständische Landwirtschaft mit Hofgrößen von fünf bis 50 Hektar, die neben der Viehmast überwiegend im Getreideanbau bestand. Ab 1680 baute man auch Raps an, da für den Deichbau viel Stroh benötigt wurde. Die Überschüsse wurden exportiert, zum Teil bis in die Niederlande, Baumaterialien und viele Gegenstände des Alltags importiert. Als Häfen dienten die Zufahrt zum Tammensiel – der heutige Hafen – und bis zur Wiedergewinnung der südlichen Köge (1673) auch das Tief am Tilli. Handwerk und Gewerbe waren auf die Landwirtschaft ausgerichtet, unterlagen aber keinerlei Zunftzwängen. Fischerei und Milchproduktion dienten nur dem Eigenbedarf, da wegen der schlechten Verkehrsanbindung zum Festland keine auswärtigen Abnehmer der leichtverderblichen Produkte bedient werden konnten. Die reicheren Bauern wohnten in festen Langhäusern hohen Wohnniveaus auf Einzelwarften, die ärmeren Menschen lebten in Reihensiedlungen auf den Mitteldeichen. Wegen der Arbeitsspitzen während der Deichbau- und -pflegephasen sowie in der Ernte- und Dreschzeit gab es ine Reihe von Saisonarbeitern, die die Insel nur im Sommer aufsuchten. Die Selbstverwaltung im Straf-, Zivil- und Deichrecht sowie im Bereich der Armenpflege war nach Straffung und Reorganisation der alten Strukturen beibehalten worden.

Die Weihnachtsflut vom 24. Dezember 1717 brachte einen erheblichen Rückschlag. 38 Menschen kamen ums Leben, und die Ernteverluste trafen die Landeigner so sehr, dass die Gesamtwirtschaft das ganze 18.Jahrhundert über nicht mehr auf den Stand vor der Weihnachtsflut gelangen konnte. Fast jedes Jahr brach das Wasser wieder ein. Jeder Schaden, jeder Verlust riss neue Löcher. Jetzt kamen auch Krankheiten infolge von schlechtem Trinkwasser – nur gesammeltes Regenwasser war verfügbar – und vitaminarmer Ernährung zum Tragen. Die Sterblichkeit lag in schlechten Jahren zwei- bis dreimal so hoch wie die Geburtenrate. Deshalb überschritt die Einwohnerzahl Pellworms trotz Neuansiedlung von Auswärtigen nie die 2000-Einwohner-Marke. Der Zuzug verhinderte aber, dass sich Folgen von Inzucht einstellten. Gleichzeitig führte er zum Verlust der ursprünglich friesischen Sprache zugunsten des Plattdeutschen.
1774 war endlich klar, dass das bisherige Deichrecht nicht mehr genügte. Bis dahin war jedem Landeigner ein bestimmtes Deichstück zugeordnet, das er pflegen musste (Deichpflicht). Dabei konnte der Sachverstand professioneller Deichunternehmer nur in Ausnahmefällen zum Zuge kommen, da jeder Deichpflichtige mit eigenem Material und eigenen Leuten versuchte, seiner Aufgabe nachzukommen. Man führte deshalb die Kommuniondeichung anstelle der bisherigen Privatdeichung ein: Alle anfallenden Aufgaben wurden an Fachleute übergeben, die Kosten auf den Grundbesitz umgelegt. Das erlaubte rationelles Arbeiten, die Landbesitzer konnten die entstehenden Kosten teilweise durch Auftragsarbeiten am Deich wieder hereinholen. Damit war ein wesentlich höherer Stand der Deichsicherung zu gewährleisten.
Trotzdem mussten nach der Sturmflut von 1793 auf der gesamten Wetterseite im Westen und Süden der Insel Gebiete aufgegeben und ausgedeicht werden. Die wirtschaftliche Situation wurde immer angespannter. Als im Jahre 1825 das Meer das letzte Mal über die Deiche stieg, musste infolge der Kosten ein Drittel der Landeigner Konkurs anmelden. Da sich keine Käufer fanden, übernahm der dänische Staat die Ländereien und wurde so in großem Umfang in die Deichpflicht eingebunden. Deshalb wählte man von Regierungsseite auch Einfluss auf die Deichverwaltung nehmen und setzte 1830 einen Ingenieur, den Kapitän Harm von Petersen, als Deichkommissar ein. Dieser hatte weitgehende Befugnisse, was zu Streitigkeiten mit dem gewählten Deichgrafen führte. Er setzte sich jedoch durch und überzeugte auch die übergeordneten Stellen davon, dass Pellworm nicht zur Hallig herabgestuft werden dürfe. Das hätte bedeutet, den Deichschutz aufzugeben. Da Pellworm aber Wellenbrecher für große Teile der Festlandsküste sei, so die Argumentation, müsse der Gesamtstaat auch wesentliche Aufgaben übernehmen. Petersen beschaffte Gelder der Regierung, begann nach der Wiederherstellung der Deiche mit dem Bau von steinernen Fußsicherungen und führte mit den Ländereien, die durch Konkurse an die Krone gefallen waren, eine Flurbereinigung durch. Aufgrund seiner Machtfülle konnte er wagemutige landwirtschaftliche Unternehmer mit wirtschaftlich existenzfähigen arrondierten Höfen ausstatten, die eine Erfüllung der Deichpflicht ermöglichten. Die Kommuniondeichung wurde aufgehoben, da die Kosten explodiert waren: Jeder versuchte als Unternehiner mehr aus der Deichkasse zu holen, als er als Landeigner eingezahlt hatte. Durch diese Maßnahmen entstand auf Pellworm wieder eine vermögende landwirtschaftliche Grundbesitzerschicht, die fortan in der Lage war, die Geschicke der Insel zu meistern. Gleichzeitig war der Staat wegen der anerkannten überregionalen Bedeutung Pellworms auf Dauer in die Deichsicherung eingebunden.
Die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts brachte wieder einen Aufschwung. Zwar war Pellworm in starkem Maße von der Überseeauswanderung betroffen, die Daheimgebliebenen fanden aber zumeist ihr Auskommen. 1938/39 wurde die Inselfläche durch die Eindeichung des Bupheverkoogs vergrößert, die im Rahmen einer geplanten, aber nicht verwirklichten Festlandsanbindung der Insel durch einen Sicherungsdamm durchgeführt wurde. Die gewonnenen Ländereien wurden zur Hälfte an Pellwormer, zur anderen Hälfte an ,,verdiente” Parteigenossen der NSDAP vom Festland vergeben.
Die Nachkriegszeit brachte auch für Pellworm eine große Zahl von Flüchtlingen. 2500 Menschen siedelten zeitweise zusätzlich auf der Insel. Da sie aber nur begrenzt Arbeit fanden, wanderten die meisten ab, sobald sich die Möglichkeit dazu ergab. So entstanden Verbindungen nach Süddeutschland, wo viele dieser ,,Pellwormer auf Zeit” eine neue Heimat fanden. Heute leben 1200 Menschen auf der Insel.
Im Dezember 1965 erreichte endlich eine Trinkwasserleitung vom Festland die Insel. Bei der Verteilung des Wassers wurden die meisten Häuser auch mit Strom versorgt. Bis dahin waren noch weite Bereiche von Regenwasserspeicherung und Petroleum abhängig gewesen. Dieser Eintritt in die ,,moderne Zeit” erlaubte es auch, den Fremdenverkehr auf Pellworm auszubauen. Seit 1865 gab es einn regelmäßigen Dampfschiffsverkehr nach Husum, ab Anfang der 1960er Jahre nach Nordstrand. Durch den Bau eines Anlegers in der Mündung des Hafenpriels konnte die Verbindung seit 1993 weitgehend tideunabhängig gestaltet werden. Damit verbesserten sich die Chancen des Fremdenverkehrs, der vor wenigen Jahren die Landwirtschaft als Haupteinnahmequelle überholt hat.