Home

Pellworm – nachhaltige Entwicklung einer Landschaft

1. Historische Hintergründe

Pellworm ist erst seit 1634 eine eigenständige Insel. Im 7. Und 8. Jahrhundert zogen die ersten Friesen von der südlichen Nordseeküste in den bis dahin menschenleeren Raum um Pellworm und Hooge. Ursprünglich lebten die Menschen auf dem gewachsenen Boden. Erst um 1.100 begann der Warften- und Deichbau, nachdem der Meeresspiegel stetig gestiegen war.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Insel landwirtschaftlich geprägt. Damit wurde in den letzten 1.200 Jahren ein Landschaftsbild geschaffen, das bis heute die Schönheit der Insel ausmacht. Die Böden sind sehr fruchtbar, so daß die Landwirtschaft zu großem Reichtum führte. Belege sind die beiden Kirchen, prachtvolle Höfe und höfische Kleidung, wie sie verschiedene Grabsteine der Insel zeigen.

2. Bäuerliche Strukturen

Die ersten Siedler waren Bauern. Sie brachten aus ihren Herkunftsgebieten (Westfriesland) hochentwickelte landwirtschaftliche Techniken mit. Nach und nach nahmen sie weite Gebiete der ursprünglich feuchten Niederung in Bearbeitung. Man betrieb von Anfang an Ackerbau und Viehzucht. Bevorzugt wurde der Anbau von Getreide, da man ab dem 12. Jahrhundert im Herbst große Mengen Stroh benötigte, um die Deiche an ihren Außenseiten gegen das Meer zu schützen. Vieh wurde auf den ausgezeichneten Weiden fettgegräst, also gemästet. Bis ins ausgehende 19. Jahrhundert überwog der Ackerbau in einem Verhältnis von 2/3 zu 1/3. Heute überwiegt deutlich das Weideland.

Schon im 11. Und 12. Jahrhundert wurde die Niederung durch das von Westen einbrechende Meer in Inseln zerrissen. Damit wurden die Verkehrsverhältnisse immer ungünstiger. Viele Güter des Tagesbedarfs mußten von außen eingeführt werden, was ihren Preis verteuerte. So bemühte man sich, Ersatzlösungen zu finden. Ein großes Problem bildete die Trinkwasserversorgung. Da das einbrechende Meer nicht nur das Oberflächen- sondern auch das Grundwasser versalzen hatte, mußte man auf gespeichertes Regenwasser zurückgreifen. Erst 1965 bis 1967 erreichte Leitungswasser vom Festland die Höfe der Insel.

Auch die übrige Infrastruktur wurde mit der Zerteilung der Landschaft in immer kleinere Inseln immer schwieriger. Die Sicherheit der niedrig liegenden Restgebiete ist nur durch Deich- und Warfterhöhung zu gewährleisten. Wege und Straßen sind teuer in Erstellung und Unterhalt, sie dienen nur wenigen Menschen, werden aber im Katastrophenfall äußerst wichtig. Strom und Wasser müssen aufwendig von außen herangeführt werden, ebenso viele Güter des täglichen Bedarfs. Auch die Gesundheitsfürsorge, die Verwaltung und das Freizeitangebot erfordern eine intensive Organisation.

Die heutige Landwirtschaft prägt auch weiterhin das Bild der Insel zu jeder Jahreszeit. Ob blühender Raps, wogende Getreidefelder, Kühe auf den Weiden oder Schafe am Deich, ein Großteil der Insel zeigt sich als bäuerliches Kulturland. Die Belastungen aufgrund der Insellage sind für den einzelnen Betrieb jedoch hoch, deshalb ist unternehmerisches Können gefragt.

3. Wechsel zum Fremdenverkehr

Im Gegensatz zu den nordfriesischen Geestinseln Sylt, Föhr und Amrum entwickelte sich der Fremdenverkehr auf Pellworm erst ab der Wende zum 20. Jahrhundert. Bis zum II. Weltkrieg stieg die Zahl der Gäste pro Saison auf knapp 900, eine Zahl, die erst 1958 wieder erreicht wurde. Die sechziger und siebziger Jahre brachten der jungen Bundesrepublik steigenden Wohlstand. Auch auf Pellworm stiegen die Gästezahlen. Ende der sechziger Jahre brachten die Wasserleitung durchs Watt und die wesentlich effektivere Fähranbindung nach Strucklahnungshörn auf Nordstrand eine Qualitätssteigerung, die den Aufbau eines Kurbetriebs erlaubten. Der Ausbau der touristischen Infrastruktur führte zu starken Steigerungen der Gästezahlen. Fremdenverkehr wurde für viele vom Neben- zum Haupterwerb. Die Steigerung von Angebot und Qualität verlangte eine hauptberufliche Beschäftigung. Da die Landwirtschaft gleichzeitig in eine Strukturkrise geriet, unter der die verkehrsferne Insel besonders leidet, ist der Tourismus heute der Haupt-Wirtschaftsfaktor.

4. Die übrige Wirtschaft

Eine intensive Landwirtschaft verlangte im Zulieferbereich nach zuarbeitendem Handwerk. Auch der Handel und die übrigen Gewerbe wie Gastronomie und Transport spezialisierten sich und wurden von eigenständigen Fachleuten betrieben. Außerdem gab es immer eine große Zahl von Tagelöhnern und Saisonarbeitern, die im Nebenerwerb Sonderaufgaben bis hin zur Darbietung von Musik bei Festen übernahmen. Fischerei, ursprünglich zu Fuß im Watt, war Nebenerwerbsquelle oder Selbstversorgung der ärmeren Bevölkerungsteile. Erst ab kurz vor 1900 begannen einzelne Fischer, den Beruf mit Booten im Haupterwerb auszuüben. In den zwanziger und dreißiger sowie in den fünfziger Jahren waren zahlreiche Kutter im Pellwormer Hafen stationiert und boten einer Reihe von Familien Einkommensmöglichkeiten. Heute gibt es nur noch vier Fischkutter.

5. Abhängigkeiten von Außen

Ein großes Problem bildete die Trinkwasserversorgung. Da das im 11. Jahrhundert einbrechende Meer nicht nur das Oberflächen- sondern auch das Grundwasser versalzen hatte, mußte man auf gespeichertes Regenwasser zurückgreifen. Erst 1965 bis 1967 erreichte Leitungswasser vom Festland die Höfe der Insel. Heute verfügt jedes Haus über einen Wasserleitungsanschluß, etwa 40% der Haushalte sind an eine zentrale Abwasserversorgung angeschlossen. Die übrigen haben eigene Klärgruben, die heute nach und nach auf den neuesten Stand der Technik umgerüstet werden (Dreikammersystem mit Tropfbecken). Die Zufuhr von Energie ist heute mittels mehrerer Festlandskabel für Strom, teilweiser Einspeisung regenerativer Energien aus Wind und Sonne sowie Lieferung von Öl, Flüssiggas und Kohle durch die regelmäßige Fährverbindung gesichert. Gleichzeitig hat der örtliche Verein “Ökologisch Wirtschaften e.V.” ein Energiekonzept erstellen lassen, das die spätere Autarkie Pellworms anstrebt. (Link: Pellworm-energy.org)

Ein Großteil der heute auf der Insel benötigten Alltagsgüter, aber auch Öl, Futter- und Düngemittel sowie Maschinen, Baumaterialien und andere Betriebsmittel müssen per Fähre vom Festland herangeholt werden. Landwirtschaftliche Produkte wiederum müssen ans Festland geschafft werden. Dabei erhöhen sich die Kosten, die Gewinnspannen müssen entsprechend gesenkt werden, um mit den Gütern konkurrenzfähig zu bleiben.

Der Arbeitsmarkt der Insel ist wesentlich geschlossener als der einer vergleichbaren Festlandsgemeinde. Das Pendeln ist aufwendig, deshalb müssen die Einheimischen ihre Wohn- und Arbeitsplätze auf der Insel finden.

6. Planungen in die Zukunft

Nach § 6 des Landesnaturschutzgesetzes hat ein Landschaftsplan die örtlichen Erfordernisse und Maßnahmen zur Verwirklichung der Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege darzustellen. Um dem gerecht zu werden, wird flächendeckend der Zustand von Natur und Landschaft erfaßt, bewertet und dargestellt. Die Planungen für menschliche Nutzungen der Landschaft werden dann auf diese Bestandserhebung bezogen. Damit soll eine Naturbeeinträchtigung möglichst vermieden werden.

1986 wurde die Gemeinde Pellworm in den Dorferneuerungsplan des Kreises Nordfriesland aufgenommen. Mit umfangreichen Geldmitteln, die deutlich über den üblichen Mittelzuweisungen liegen, wurde seitdem die gesamte Inselstruktur in ihrem Bestand erfaßt, überplant und im Rahmen eines Gesamtkonzeptes weiterentwickelt. Dabei konnten zahlreiche zukunftsweisende Investitionen vorgenommen und gleichzeitig das Ortsbild behutsam in seinem Bestand erhalten und verbessert werden.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Insel verläuft nicht von selbst. Die Ansiedlung von Gewerbe ist wegen der Verkehrsferne schwierig. Gleichzeitig sind aber die Einheimischen auf Arbeitsplätze vor Ort angewiesen. Das Steueraufkommen ist so gering, daß die Öffentlichen Hände bei ihren Investitionen und Haushalten auf Hilfe von außen angewiesen sind. Damit verlangt eine Förderung von Wirtschaft und Arbeitsplätzen erhöhte Kreativität. Ein Zukunftssektor der örtlichen Wirtschaft ist und bleibt der Fremdenverkehr. Hier sind jedoch Wachstumsraten nur noch unter großen Anstrengungen zu erreichen. Sanfter Tourismus bleibt das vorrangige Ziel. Da die Insel von ihrem speziellen Flair der Ruhe und Natürlichkeit lebt, soll die Bettenzahl nicht planlos wachsen. Die Qualität des Angebotes und die Effektivität der Vermittlung werden jedoch laufend weiterentwickelt. Die Lebensqualität auf der Insel kann sich nach den Entwicklungsmaßnahmen der letzten Jahrzehnte sehen lassen. Die Zukunft muß jedoch weiterhin aktiv gestaltet werden. Deshalb wird die Bevölkerung in Planungen und Perspektiventwicklungen frühzeitig in Arbeitskreisen eingebunden. Auch die örtlichen Vereine treten immer wieder mit Entwicklungsvorschlägen in Erscheinung. Der Verein Ökologisch Wirtschaften etwa erreicht es immer wieder, Projekte zu initiieren, die nicht nur Pellworm mit anderen Regionen Europas vernetzen, sondern auch Modellcharakter gewinnen.

Veröffentlicht unter Allgemein